“Wollt ihr die totale Überwachung?”

In seinem Buch »Der Waldgang« schreibt Ernst Jünger, dass jede totalitäre Herrschaft niemals total sein darf, sondern maximal 98% Zustimmung aufweisen muss, da diese Unschärfe, diese 2% die Diktatur legitimiere, denn Diktaturen ist der Nachweis wichtig, dass die Freiheit nicht ausgestorben ist, weil nur durch diese Unschärfe ein Bedrohungsszenario aufrechterhalten werden kann, welches den gewaltigen Überwachungsapparat rechtfertigt. Jünger lebte in anderen Zeiten, in denen die Methode der subtilen Überwachung, verglichen mit heute, noch in den Kinderschuhen steckte und sich die Konturen von Diktatur und Gegner noch deutlicher abzeichneten. Heute kann man mit den Begriff der Freiheit relaxter umgehen. Man kann sogar freie Wahlen veranstalten ohne an den Mauern der Diktatur zu rütteln. So nehme ich den aktuellen Volkszorn über Markus Lanz, bei aller Berechtigung und Banalität, mit einem gewissen Schmunzeln zur Kenntnis, hinter dem die Vermutung steckt, dass zur Systemfestigung im Rahmen einer scheinbaren Demokratie, auch immer wieder das Gefühl gehören muss, Einfluss nehmen zu können und sei es nur auf eine Talkshow. Allerdings erscheint mir das, will man mehr als nur einen Idioten durch einen anderen zu ersetzen, ebenso erfolgsversprechend, als hätte man sich in früheren Zeiten an den Reichspropagandaminister gewandt, um eine Beschwerde über das schlechte Radioprogramm im Volksempfänger anzubringen. Abschalten ist die weitaus bessere Revolte. Betrachtet man die deutsche Tagespresse aus dem Ausland, so drängt sich der Verdacht auf, dass die Zeiten seriöser journalistischer Tätigkeit sowieso vorüber sind. Mir fiel auf, dass ich die deutschen Blätter von links nach rechts nur noch lese, um ihnen oftmals zu widersprechen und mir meine Informationen peu à peu andersweitig zu suchen. Eigentlich sollte dies umgekehrt sein, zumindest, wenn man als Medium den europäischen Werten der Aufklärung verpflichtet ist und nicht einer Verdunkelung. Dass selbst die „bösen“ russischen Nachrichtenplattformen, die ja von Putin kontrolliert werden, objektiver, d.h. sie sprechen nicht von dem, was nicht ist, über die Ukraine berichten, als die deutschen Blätter, muss zu denken geben. Ich sage, das nicht, weil ich Russland verbunden bin, sondern dem kritischen Denken. Wenn man die Geschehnisse und Bilder der letzten Wochen aufmerksam verfolgt, ist es schwierig zu einem anderen Urteil zu kommen. Was hierbei überrascht ist nicht das ob, sondern das wie, also die Ungeschminktheit der Lüge, die offensichtliche Diskrepanz zwischen Bild und Text, die ich in dieser Form noch nie in Medien wie »Die Zeit« oder »FAZ«, von der Springer-Presse kennt man das ja, wahrgenommen habe und die darauf hinweist, dass es mittlerweile völlig egal ist, was und wie unglaubwürdig man schreibt. Wem man auch immer verpflichtet sein mag, den kritischen Lesern gewiss nicht. Die Bilder zeigen gewaltätige Neonazi und der Text sagt: Friedliche Demonstranten.

Wäre ich Chefredakteur und wäre meinem politischen Journalismus verpflichtet, dann wäre das für mich ein sofortiger Kündigungsgrund wegen Vernachlässigung der journalistischen Sorgfaltspflicht. Nun, vermutlich ist es wirklich zu idealistisch, Politik und Presse noch eine autonome Sphäre außerhalb des Kapitals zuzuweisen zu wollen und so bin ich eher gewillt den Nietzsche-Aphorismus »Die Deutschen haben das Pulver erfunden – alle Achtung! Aber sie haben es wieder quitt gemacht – sie erfanden die Presse« in ein »Die Deutschen hatten die freie Presse – alle Achtung! Aber sie haben es wieder quitt gemacht – sie wurden zu großen Waffenexporteuren« umzuwandeln. Man verzeihe mir den Zynismus und die Vereinfachung, denn auch wenn systemrelevant, so ist es doch nicht das einzige deutsche Exportgut, an dieser Stelle. Zynismus hingegen ist nur die andere Seite eines enttäuschten Idealismus, der hin und wieder aufflackert, und legt sich gewöhnlich wieder. Ich muss eben in dieser Stimmung gewesen sein, als ich mit der Bukarester U-Bahn spätabends ins Zentrum fuhr. Eines der Kennzeichen dieser zynischen Stimmungslandschaften ist es nämlich, dass sich dieses Gestimmtsein auf die komplette Wahrnehmung überträgt und so ist es wohl zu erklären, warum ich auf die merkwürdige Idee kam, zählend durch die Bahn zu laufen und allen Menschen, die während der Fahrt mit ihren Smart-Phones beschäftigt waren, eine Armbinde anzudenken. Dass mir die Armbinden so deutlich erschienen, mag auch mit an einem Artikel liegen, den ich kurz zuvor las:

»Wer dieser Tage die neueste Version der Facebook-App für Android-Telefone lädt, wird darüber informiert, dass „Kontakte lesen“ zum normalen Funktionsumfang der Anwendung gehört. Als ein Unterpunkt von dreiundzwanzig Zugriffen auf das Telefon, die sich Facebook erlaubt. Facebook will die „Anrufliste lesen und bearbeiten“, „Kalendertermine und vertrauliche Informationen lesen“, „ohne das Wissen der Eigentümer Kalendertermine ändern und E-Mails an Gäste senden“, „aktive Apps abrufen und neu ordnen“, „Dateien ohne Benachrichtigung herunterladen“, selbständig den „Ruhezustand deaktivieren“, „Audio aufnehmen“ und „dauerhaft senden“ – und das ist noch nicht alles. Ein Punkt erregte dann doch noch ein paar Gemüter. Die Facebook-App will nun auch „SMS oder MMS lesen“, also Nachrichten, die mit Facebook nichts zu tun haben. Das mag dem Netzwerk dabei helfen, besser zu verstehen, wie unterschiedlich wichtig die Personen in den Adressbüchern seiner User sind. Aber es ist auch ein direkter Eingriff in private Sphären, in denen zuweilen bewusst entschieden wird, für Kontaktaufnahmen eben nicht Facebook zu nutzen. Daran entzündet sich nun auch die Kritik, denn – deswegen geht es um Hinweise und nicht um Fragen – es lässt sich den Apps nicht widersprechen: Wer nur einen der dreiundzwanzig Zugriffe aufs Telefon ablehnt, muss auf die Anwendung vollständig verzichten. Es gibt aber noch ganz anderes zu bedenken. Die neue Facebook-App fragt im Grunde gar nicht mehr seine Nutzer, was sie alles darf, sondern das Betriebssystem des Telefons, also Google, ob es Wissen aus dem ohnehin vorhandenen Datenpool schöpfen darf. Der Nutzer hat längst nichts mehr zu entscheiden.« (Zitat aus der FAZ vom 30.01.2014)

Wen dies nicht beunruhigt, den beunruhigt sicherlich nichts mehr und kann auf obige Überschrift getrost mit »Jaaaaa! Wir wollen die totale Überwachung« antworten. Meine Smart-Phone-Zugehörigkeitszählung ergab übrigens einen Wert von beinahe 90%. Für die Unschärfe von 10% waren ein Buchleser, ein blinder alter Mann und ein Zyniker verantwortlich. Wie man es also dreht und wendet, man ist dabei und gewusst haben es diesmal alle. Man ist dabei, beim Aufbau der Brave New World, entweder als These oder Antithese. Die einzige Möglichkeit Hegel zu widerlegen ist zu schweigen, sagte irgendjemand dessen Name mir gerade nicht einfällt. Ein Dilemma, denn das Schweigen war noch nie meine Stärke. So schreibe ich weiter und trage meinen antithetischen Teil bei, bei dieser Bücherverbrennung durch Informationsüberflutung mit Banalitäten und gezielten Unwahrheiten und  es bleibt mir auf dieses Dilemma nur die Antwort “Nein! Wir wollen die totale Überwachung.”

 

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