Wenn wir fallen, fallen wir eben!

»Er fährt wieder. Sag doch, geht alles! Ey Leberhart nicht bei den Touris betteln, sind doch keine Hippies«, rief der Mann mit halbzugeknöpftem Karohemd seinem Border-Collie zu und warf einen schallenden Lacher hinterher. Sein Wagen, den er mit Warnblinker direkt vor dem Los Quatro Gatos geparkt hatte, war ein alter Toyoto Pick Up, der seinen Dreißigsten schon hinter sich hatte.
»Leberhart, der Hund heißt Leberhart?«, fragte ich ihn erstaunt.
»Jo genau Leberhart. Hat was mit Angstprojektion zu tun. Damals, als ich den als Welpen geholt habe, hatte ich ein scheiß Angst, dass es mir die Leber mal zerreißt wegen der Sauferei. Da dachte ich, wenn der Hund so heißt, dann geht die Angst weg. Jürgen übrigens«. Er reichte mir die Hand. Sein Händedruck war kräftig, aber nicht so kräftig, dass man die Vermutung haben musste, er verspüre die Notwendigkeit, mit seinem Händedruck gleich eine besonders maskuline Visitenkarte abzugeben.
Ich konnte seiner Angstvermeidunglogik nicht ganz folgen, aber wenn man Jürgen so ansah, dann schien er mit dieser Methode erfolgreich gewesen zu sein, denn Angst war bei ihm nicht zu sehen.
Jürgen war einer der Menschen, die man schon nach wenigen Sekunden ins Herz schließen konnte. Mir schien es, als gäbe sein tiefzerfurchtes Gesicht ein prächtiges Abbild der Insel mit ihren zahlreichen Barrancos. Sein warmer Blick zeugte von dieser Weisheit, die man nicht in Büchern fand, sondern die einem eine Lebensführung mit offenen Visier irgendwann zum Geschenk machte.
»Also Fernet«, sagte er irgendwann nach zwei Bieren und da wusste ich, dass ich mein Fährticket für die Morgenfähre nach Playa Santiago umsonst gekauft hatte. Ich wollte eigentlich noch zwei Tage zu wandern, aber bei Sturmwarnung mit einem Hangover auf diesem Wassertaxi ist kein guter Tagesbeginn und ich nickte.
Fernet Branca also, ich kannte nicht mehr als die Werbung mit diesem Slogan »Der Tag geht, Fernet kommt!«, und spürte auch nach dem ersten Schluck, dass man da nicht unbedingt mehr kennen musste. Wie Hustensaft mit langem Abgang.
»Jürgen, dein Bierdeckel ist bei 250 Euro, also nur zur Info.«, meinte der Wirt, als er die Schnäpse einschenkte.
»Keine Sorge Manni, 2018 wird gut, sagt meine Astrologin. Also brauchst dir wirklich keine Sorgen machen. Die Lichtmaschine war nur recht teuer.«
Wieder zu mir gewandt meinte er: »Die Karre da draußen war ein Totalschaden. Im Nebel gegen ’nen Stein gefahren letztes Jahr. Ein halbes Jahr Reparatur reingesteckt, nur mit youtube-Tutorials und fährt wieder wie ne Eins.«
Ich hatte noch keinen Menschen getroffen, der nen Totalschaden mit Internet-Videos behoben hatte, aber ich hatte auch noch nie einen Menschen getroffen dessen Hund auf den Namen Leberhart hörte und das unterscheidet die Welt da draußen immer noch von der Virtualität, nämlich, dass dir kein Algorithmus so eine Story erzählen wird.
Jürgen wohnte in einer Finca oben in den Bergen bei Las Hayas. Ich war die Strecke zweimal gefahren und die Straße schlängelte sich über 15 Kilometer steil nach oben. Serpentine an Serpentine, und wenn hier unten im Tal Sturm war, dann war da oben auf über tausend Meter die Hölle los. Ich hatte keinen Zweifel, dass so etwas Jürgen nicht juckte, fragte aber dann doch, als er aufbrach, ob er da noch hoch wolle?
»Klaro, ich lenk und Leberhart denkt! Und außerdem Fernet Branca, man sagt, er habe magische Kräfte, kennste des noch? Und noch ein außerdem hinterher: Wenn wir fallen, fallen wir eben und zwar in schöne Landschaft!«
Sprach es und brauste mit Leberhart auf dem Beifahrersitz Richtung Sturm.