Was ist nobel?

Eine Feier in der irischen Provinz, in die ich mehr zufällig hineingerate. Tiefstes Hinterland. Farmer sind Farmer überall auf der Welt und ich sitze unter ihnen mit dieser leichten Arroganz des Gebildeten, die mir das Gefühl verleiht einen Tick besser zu sein als sie, vielleicht weil ich viel gelesen und gelernt habe oder zweimal die Welt umrundet. Ich weiß es später selbst nicht, auf was sich dieses Selbstbewusstsein eigentlich stützte.

Ich trinke meine Pints und beteilige mich mit einigen Floskeln am Small-Talk, während meine Gedanken sich längst aus dem niederen Niveau zurückgezogen haben und der Fernseher eine Castingshow in den Raum wirft.

Plötzlich und unerwartet bricht er hervor, dieser Genius, Worte schieben sich in mein Hirn, Zeile um Zeile tackert es durch meinen Kopf, Gedanken, die ich schon lange eingelagert hatte, ohne dass sie zur Reife kamen, verbinden sich plötzlich zu einem klaren Bild.

Ich spüre, ich muss sie aufschreiben, weil sie sonst weiterziehen, denn Gedanken sind dem Wesen nach nomadisch und frei. Ich greife in meine Jackentasche und zucke zusammen. Ich merke, ich habe Block und Stift vergessen. Verzweifelt irrt mein Blick durch den Raum, scannt die Ablagen nach einem Stift und einem Fetzen Papier ab, den ich heimlich entwenden könnte, unbemerkt von diesen Menschen, die es doch nicht verstehen würden, um damit auf die Toilette zu verschwinden und niederzuschreiben, nichts anderes zählt in diesen Minuten. Schreib diese Gedanken nieder, die aus diesem inneren Königreich herausfließen. Der Drang nimmt manische Züge an, wird immer mächtiger. Aber es ist kein Stift da, kein Papier. Nirgends. Ich habe den Raum zehnmal mit Blicken abgesucht. Keine Chance. Die Gedanken drängen weiter, ich spüre, sie müssen niedergeschrieben werden, schnell.

Doch hier auf dem Land zwischen Schafen und Kühen, gibt es nicht viel Notwendigkeit zu schreiben, es ist nicht wie bei mir, wo zwischen dutzenden aufgeschlagenen Büchern und unzähligen Notizen sich immer irgendwo ein Stift findet.

Der Geist bildet derweil immer neue Zeilen, diese schöpferische Vision überfällt mich, bemächtigt sich mir gänzlich. Ich spüre, ich muss schreiben, unbedingt schreiben und in meiner Verzweiflung bitte ich, fast wie ein Betteln um Brot, um Stift und Zettel, rufe es hastig in die Runde, die sich gerade über die Castingshow amüsiert und in einer seltsamen Ehrlichkeit, ich weiß auch nicht warum sie mich in diesem Moment überfällt, füge ich hinzu, dass ich meine Gedanken niederschreiben muss. Murmele etwas von poetry…

Und voller Erstaunen nehme ich wahr, wie sie nicken, wie jemand mir einen alten Briefumschlag reicht und irgendwoher aus einer Schublade ein Stift gekramt wird.

Ich versuche mich mit meinem brüchigen Englisch zu erklären, dass sich etwas Größeres meiner bemächtigt hat und sie, deren Hände gezeichnet sind von der Arbeit auf dem Feld, scheinbar einfache Menschen, denen die Schulbank wahrscheinlich ein Graus, verraten durch ihren Blick, dass sie darum wissen. Sie drehen den Fernseher etwas leiser und dämpfen ihre Stimmen ein wenig.

Es ist der Moment an dem unsere unterschiedlichen Welten sich berühren und sich zu einem seltsam zärtlichen Augenblick zusammenschieben.

Sie haben nie ihre Gedanken niedergeschrieben, nicht Joyce und Yeats gelesen, keine Buchhandlung betreten, aber sie haben Fasanenfedern gefunden draußen auf dem Feld, zimtfarben im kupfrigem Glanz, neugeborene Kälber noch im bläulichen Schleim, haben die Sonne erröten sehen, beim abendlichen Kuss mit dem Meer und haben vergeblich versucht die Sterne am Himmel zu zählen, sie wissen was ich meine, als ich sage, dass sich etwas Größeres meiner bemächtigt.

Sie machen kein großes Aufheben darum, auch nicht als ich in manischer Hast die Rückseite des Briefumschlags vollschreibe und mir dabei Tränen in die Augen schießen vor Glück.

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