Verhüllungen

«Ich bin gespannt, ob Sie es das Buch zu Ende lesen«, meinte die Bibliothekarin, als sie den Ausleihestempel auf eine der letzten freien Kästchen des Beiblattes drückte.
»Wieso?«, fragte ich.
»Nun, etwa 80 Prozent geben das Buch zurück und wundern sich wie diese Frau den Nobelpreis bekommen konnte, aber Der Fuchs war damals schon der Jäger ist ein guter Einstieg oder auch Ausstieg, je nachdem.«
Ich erwiderte nichts auf diese halbkryptischen Anmerkungen und hielt es so wie immer, wenn ich unterwegs war, nämlich Landschaft und die ihr entsprungene Literatur zu verbinden.
»Mit Travestie bei Cărtărescu zu beginnen, ist ungewöhnlich. Es ist etwas, sagen wir, obszön.« Sie lächelte verschmitzt, als würde sie von den ausgeliehenen Büchern gleich auf ihre Ausleiher schließen. »Die meisten beginnen mit seinem Hauptwerk«, fuhr sie fort und reichte mir dann beide über den Tresen.
Während Herta Müller in meiner Tasche verschwand, schlug ich wahllos das andere Buch auf und »trat wieder hinaus in die homogene, gelassene Sonne, durchmaß wieder die von Straßenbahnschienen in Streifen, geschnittenen Straßen, tauchte wieder ein in die unbekannten Gegenden der Stadt. Rosa Wohnhäuser, scharlachrote Mietskasernen, mit Balkonen, die von Atlassen und Gorgonen mit modrig vergilbten Gipsbrüsten gestützt wurden, grünspanüberzogene Statuen, die niemand mehr beachtete…«
Zwischen grauen Wohnblöcken schob ich mich mit jedem Wort, mit jedem Schritt durch sozialistische Schleier in schweigende Gassen hinein. Ich rezitierte laut Zeile um Zeile in den tiefhängenden Januarnebel, aus dem sich die Häuser, plötzlich gealtert um Jahrhunderte, würdevoll hervorschälten; sich mit dem Gesprochenen mehr und mehr zusammenschoben, als würden die Sätze die Wirklichkeit gestalten und nicht die Wirklichkeit die Sätze.
Zeile für Zeile, Blick für Blick, Schritt für Schritt verfloss das eine im anderen. Über verwitterten Doppelfenstern blickte der Putz fragmentarisch auf vermooste Vorgärten mit ihren geschwungenen Gittern, die dem Jugendstil auch im Altern noch verpflichtet.
Verwelkte Stuckrosen im einsetzenden Dämmerlicht eines späten Nachmittags verflechten Literatur und Wirklichkeit in einem Café in der Strada Dianei. Mein Blick, gefangen in den Worten, reißt sich los, flieht durchs Fenster die alten Gemäuer empor über rostige Dächer dem fahlen Abendhimmel entgegen, wird wieder zurückgeworfen, nimmt neue Zeilen auf, bevor er abermals flieht, als trüge er die Worte mit sich hinaus in eine fernere, ungreiflichere Wirklichkeit.
Teelichter, von zierlicher Frauenhand entzündet, erirrlichtern den Raum ins Dämmerlicht.
Ich schließe das Buch und sehe zu wie die Außenfenster mehr und mehr beschlagen, als webe die noch junge Nacht abermals einen Schleier für diese Stadt.

Veröffentlicht am

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.