Über Dorfmonster

Ich mag die Norweger ja, weil sie der ziemlich eigenartigste Menschenschlag sind, der mir auf meinen Reisen so begegnet ist. Sie sind freundlich und nett, ruhig und bescheiden und wenn man näher hinschaut, dann sind sie so herrlich verkrampft und verkrüppelt in den Fallstricken ihrer gesellschaftlichen Konventionen, dass es eine wahre Pracht ist, ihnen bei diesen Verhedderungen und Verrenkungen zuzusehen. Ich hatte in den zwei Monaten, die ich dort verweilte, jede Menge Zeit dazu. Sicherlich mag das in den großen Städten anders sein, aber in diesem mittelnorwegischen Bergdorf galt immer noch der alte Grundsatz: Die Gesellschaft ist alles und du bist nichts. Wer aus der Reihe tanzt, bekommt es zu spüren. Man muss vermutlich mal morgens früh in einer Pause vor einer Backstube mit einer Zigarette in der Hand gestanden haben und mitten im träumerischen Status der Betrachtung der umliegenden Bergwelt von einer unbekannten Kundin freundlich darauf hingewiesen worden sein, dass das schädlich sei für mich selbst und vor allem für die Gesellschaft und ich das besser lassen solle, um zu ahnen, was ich meine. Was geht dich das an. Kümmer dich um deinen eigenen Kram, lag mir auf den Lippen, aber der eigene Kram ist in Norwegen der gesellschaftliche Kram. Wer in Norwegen zu eigen ist, hat ein Problem. Die Norweger haben ein spezielles Wort für diese Spezies, die sich um die gesellschaftliche Kontrolle bemüht weiß, und nennen es Bygdedyret, was so viel heißt wie Landtier oder Dorfmonster. Nun sind Monster nie das, was man erwartet, sondern immer das andere, nur im Kino entsprechen sie den Vorstellungen. Ich habe einige Dorfmonster kennengelernt und das spezielle an den norwegischen Monstern ist, dass sie sehr seriös sind. Man sieht es ihnen nicht an. Sie haben keine Fratze, aber sie haben unsichtbare Krallen. Ich mietete für die Zeit eine Wohnung, die mir vermittelt wurde. Die Wohnung war spartanisch, aber für meine Zwecke ausreichend. Zwei Kochplatten, Dusche, Bett, Schrank, mehr brauchte ich nicht. Fernsehen hatte ich in der Landschaft, mir genügte das völlig. Ich kannte die Besitzerin nicht und überwies ihr einfach die Miete auf ein Konto. Hielt eh nix von diesem Smaltalk, wenn es ums Geschäftliche ging.
„You have to clean your room, before you leave. She is a little bit picky“, bekam ich eine whatsapp einen Tag vor meiner Abreise. Das Wort „picky“ war mir unbekannt, aber ich übersetzte es mal nach Recherche mit, „sie will keine dreckigen Herdplatten oder Urinstein in ihrer Bude sehen.“ Ich putzte die Wohnung also nach bestem Wissen, schickte Fotos an Freunde, um mich zu vergewissern, dass die Bude internationalen Reinheitsnormen entsprach und nahm den Nachtzug nach Oslo. Die Landlady hatte an diesem Tag keine Zeit für eine persönliche Übergabe. Gerade als ich zwei Tage später Kopenhagen erreichte, kam die Nachricht, dass die Wohnung „not clean enough“ war, ohne weitere Spezifizierung, was dieses „not clean enough“ ausgelöst hatte. Nachdem ich die Nachricht von ihren Höfflichkeiten befreit hatte, schien es, dass die Kernaussage darauf hinwies, entweder die Extra-Reinigung zu zahlen oder nochmal selber reinigen. Klaro, fahr noch mal zurück in euer Saukaff, dachte ich mir.
Das Wunderbare bei solchen Strukturen ist ja immer, dass die Outsider der Gesellschaft – und wir waren in der Bäckerei alle Migranten, also Outsider – näher zusammenrücken. Mein französischer Arbeitskollege übernahm das und ging nochmal durch die Wohnung. Es waren wohl ein paar Fusseln unter dem Bett und Staub auf Türrahmen, die für dieses „not clean enough“ gesorgt hatten. Ich bin davon überzeugt, dass es niemals um diese Fusseln ging, sondern da interne Dorfhierarchien verhandelt wurden. In Deutschland angekommen, bekam ich dann die nächste Nachricht, Ich müsste noch 350 Euro für Strom für die zwei Monate zahlen. Wtf, für zwei Kochplatten und ne Dusche 350 Euro, das war herb. Ich hatte nicht mal nen Mietvertrag, geschweige denn nen Zähler gesehen. Mit einem Bekannten, der schon lange in Norwegen lebte, rechneten wir nach und erkannten, dass die Dame sich verrechnet haben musste.
1000 kw/h waren schon absurd hoch, der Grundpreis von 200 Euro noch absurder. Ich schrieb zurück, dass sie sich wohl verrechnet haben, denn der Grundpreis war laut everk und Norwegen ist da wudnerbar transparent, viel zu hoch angesetzt. Kann passieren, aber eben nicht in einem norwegischen Bergdorf. Diese verkrampften Versuche zu erklären, dass diese Dame dennoch seriös ist und die Unmöglichkeit ihr einfach zu sagen, dass sie einen Fehler gemacht hat. Es ist ein Genuss diese Verrenkungen in den Nachrichten zu lesen. Natürlich ist das Bygdedyret unschuldig, weil das Leben in diesem Dorf  weiter mit ihm verbracht werden muss. Natürlich ist der Migrant unsauber und schuld, wenn es zum Konflikt kommt, das ist ja überall auf der Welt so, aber natürlich sind die Norweger auch sehr gerechtigkeitsliebend und auf Ausgleich bedacht und so spannt sich diese alberne Geschichte, die man in Spanien oder Rumänien schon längst mit einem Bier hinuntergegossen hätte, weiter von verkrampfter Nachricht zu nächtster verkrampfter Nachricht, mit dem Versuch es allen recht zu machen. Schauen wir mal wie lange noch. Ich hab meinen Spaß dran.