This is Africa (Äthiopien 2012)

Tis Issat hieß das Dorf, was soviel bedeutete wie der Platz an dem das Wasser raucht. Der Name war nur noch historisch zu verstehen. Trockenzeit und zwei Wasserkraftwerke sorgten dafür, dass der Blaue Nil, der sich hier einst auf mehreren hundert Meter in die Tiefe stürzte, zum Nichtraucher geworden war. Das Rinnsal, dass wir betrachteten, weil wir eben da waren, glich mehr einem Alpenbach, als einen der mächtigsten Ströme der Welt. Selbst das allgegenwärtige „Mister, Mister, buy please,“ der vielen Kinder, die uns mit Rasseln, Kaugummis, selbstgeschnitzten Zahnbürsten und einer handvoll anderem Krimskrams verfolgten, war lauter als das Brausen des Flusses. Ansonsten hatte das Dorf die Romantik einer staubigen Westernstadt. Einige Buden boten Softtrinks und lokales Bier an. Pensionen gab es nicht und als uns unsere beiden Reiseführer Addis und Tomas verklickerten, dass der letzte Bus bereits abgefahren war, dachte ich irgendwie „Schöne Scheiße!“ Reiseführer ist vielleicht übertrieben, also wir wollten sie nicht unbedingt, aber als wir in Bahir Dar nach acht Stunden Piste aus dem Minibus stolperten, waren sie eben da und wir rückten unsere Knochen zurecht und dachten uns, nachdem sie sich nicht abschütteln ließen: „Na gut, dann haben wir eben zwei Reiseführer. Am Ende gewinnt sowie immer Afrika!“ Addis meinte dann, als ich ein wenig herumfluchte, weil wir am nächsten Morgen sehr früh weiter mussten, um unseren Anschlussflug in Lalibella zu erreichen. „Keine Chance, aber wir könnten am Fluss schlafen!“ „Keine Chance“ bedeutet natürlich auch in Afrika „Keine Chance“, also zumindest keine reguläre Chance, aber… irgendwas ging immer, es kam nur auf die Trinkgelder an.“ Es wurde wild herumtelefoniert. Einer kannte den anderen und der kannte wieder einen anderen. Nach einer Stunden hatten wir über 15 Ecken einen Lastwagenfahrer am Handy, der 15 Kilometer entfernt war und mit einer Ladung Kies nach Bahir Dar fuhr. „We can drive at back of the lorry. No Problem, but you must give him a tip and the friend for the connection,too.“ Darin hatten wir uns schon gewöhnt, ohne Schmiere ging hier nichts. 300 Bir für den Fahrer, 100 für den Kontaktmann. 18 Euro, das war noch okay für nächtliches Cabrio-Feeling auf afrikanischen Pisten. „It´s okay“, sagte ich und damit war der Deal besiegelt. Unsere Rucksäcke landeten auf der Ladefläche des Isuzu und auch wir machten es uns wenig später im Kies bequem. Als der Lorry schnurrte wie eine Katze mit Lungenembolie und wir in einer Staubwolke davontuckerten war alles bestens. Ich setzte wegen des Staubes meine Sonnenbrille auf und fühlte mich wie auf einen strangen Drogentrip. „Be carefull with the cables!“, meinte Addis und zeigte auf die Stromkabel, die knapp über unseren Köpfen vorbeirauschten. Der Mond zog auf und die Sterne glänzten und wuchsen mehr und mehr in mich hinein. „Are you happy?“ fragte Tomas, der neben mir lag. „Yes, I´m very happy! It´s crazy“ Die beiden machten gerade ihre Ausbildung zum Touristenführer und waren schwer in Ordnung. Natürlich schröpften sie die Touris, aber das Leben in Äthiopien lies nicht viel andere Möglichkeiten zu. Everything will be allright!“, sang Tomas und man merkte, dass es den beiden ebenso viel Spaß bereitet wie uns. Ich glaube Addis erzählte Olli gerade die Geschichte des Nildämons Ghion, der Menschen in den Fluß zog und die Leichen erst nach drei Tagen wieder freigab, als der Isuzu langsamer wurde und dann stoppte. Vermutlich neue Fahrgäste, dachte ich und machte mir keine großen Gedanken. Ein Gesicht erschien „Seulam!“ Wir grüßten zurück. „Four people“, rief er nach unten. Ich kroch zum Rand und blickte nach unten. Ein halbes Dutzend Soldaten mit Kalaschnikov und zwei Polizisten. „Verkehrskontrolle. Schöne Scheiße!“ Wir kletterten runter. Als der Officer uns erblickt, ist er völlig überfordert mit der Situation. Zwei Weiße auf einer Ladung Kies mitten in der Nacht in der äthiopischen Provinz. Das hat er noch nicht gesehen. Er kann sich keinen Reim drauf machen. Wir passen in keines der zahlreichen äthiopischen Feindbilder. Wir sehen weder aus wie Al-Quaida-Sympathisanten aus dem Somalischen Grenzland, noch wie Eritreische Separatisten aus dem Tigray oder irgendwelche Oromo-Freedom-Fighters. Wir erzählen ihm unsere Story. Irgendwann unterbricht er uns, sein Englisch ist nicht das beste, vermutlich hat er es nicht richtig verstanden. „Do you think, this is a good idea, to travel on a lorry at night. Do you think this is a good option in this dangerous times?“ Er wirkt nun mehr wie ein Lehrer, der seine Schüler tadelt. „No not a good option, but the only option!“, antworten wir ihm. Die Situation scheint ausweglos, er telefoniert mit seinen Vorgesetzten. Zwei Soldaten bewachen uns, während Addis und Tomas verhört werden. Ein weiterer Laster voller Zuckerrohrstangen und Fahrgästen wird inzwischen angehalten. Nach kurzer Diskussion fallen zwei Zuckerrohrstangen von der Ladefläche. Der Truck wird durchgewunken. Ich lächele den einen Soldaten mit Flip-Flops an, um die Stimmung zu testen. Er lächelt zurück. „No Fear!“, flüstert er, der andere reckt ungesehen vom Police-Officer seinen Daumen in die Höhe. Die Soldaten finden es cool, dass wir wie die Äthiopier reisen. Probleme macht der Polizist. Menschenschmuggel ist seine neueste Theorie, womit wir auch nicht viel weiter kommen, weil, dass Deutsche nach Äthiopien geschmuggelt werden, erscheint ebenso absurd und einzigartig. Sein Blick fällt auf ein kleines verschnürtes Paket neben unseren Rucksäcken. „What`s this?“ Uns fällt das Wort für Kaffeekanne nicht ein. „It´s for Coffee“, antworte ich. „Ah, what kind of Coffee, Ganja, he“ Er befiehlt einen Soldaten das Päckchen zu öffnen. Als der Soldat eine Äähiopische Kaffeekanne hochhebt, ist der Officer mit seinem amharisch am Ende. Wir warten auf den Chief-Officer. Irgendwann nähert sich ein weißer Pick-Up. Ein Typ mit zwei Sternen auf seiner Schulterklappe übernimmt das Kommando. Meine Hoffnungen hier billig herauszukommen sinken. Der Verkehrspolizist erklärt die Situation. Der Chief-Officer blickt zu uns rüber. „These two Germans were on the back of the lorry!“ Er zuckt mit den Schultern. „What`s the problem. It`s uncommon, sure, but why not.“ Irgendwann landet unser Gepäck auf der Ladefläche des Pick-Ups. Zusammen mit dem zwei Sterne-Typen sitzen wir auf der Rückbank. „Take your safety belt, please!“ Ich denke zunächst ich habe mich verhört. „Take your safety belts. It´s for your own security“, wiederholt der Chief. Die Nacht der Novitäten, denn dass sich jemand in afrikanischen Gefährten Gedanken um die Sicherheit der Insaßen macht, ist mir noch nie passiert. „Do you enjoy your trip to ethiopia?“ „Yes, it´s very fantastic here“, antworte ich. „Germany. Thomas Muller, Schweinsteiger, Bayern Munich, very good player.“ Ich nicke und wir quatschen ein wenig über Fußball. Fußball geht in wirklich jeder Situation. Die Spieler von Arsenal London und Manchester United zu kennen, kann einen oftmals helfen. Es ist so wichtig wie Sprachkenntnisse. Afrika ist Fußball, aber es hat auch nicht unbedingt was zu bedeuten. Wir nähern uns langsam Bahir Dar. Das Gespräch ist mittlerweile bei Didier Drogba und seinem vermuteten Wechsel nach China. Plötzlich und wieder völlig ernst, meint der Officer. „Now, what should I do. You are good or bad ones.“ Ich denke der Zeitpunkt an dem zufällig eine zwanzig Dollarnote aus meiner Jackentasche in seinen Schoß fällt ist nahe und treffe entsprechende Vorkehrungen. „Its not good to go by lorry at night. A lot of shiftas and gangstas.“ „Sure, sorry about that, its your country, we have to accept your laws.“ Der Officer schüttelt energisch mit dem Finger. „No,no. This is Africa, its also your country. You are welcome. Where do you stay.“ „Tana-Pension“, antworte ich. „Okay, we bring you home“ Wir sind aufrichtig bewegt. Die zwanzig Dollar Note verschwindet wieder in den Untiefen meiner Jacke. Ich mache mir kurz Gedanken darüber was wohl passiert wäre, wenn in Sachsen zwei Schwarze mit Touristenvisa bei einer nächtlichen Kontrolle auf einer Ladung Kies entdeckt worden wären, schiebe die Gedanken aber beiseite. Zu düster für Afrika. Wir bedanken und verabschieden uns.
„… and don´t forget.This is Africa. It´s also your country. Bring this message back to Germany“, ruft er uns nochmal hinterher, als wir die Straße queren und nach einer Bar Ausschau halten.

 

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