Ströme

In dieser Art des Schauens verharrte ich und das Meer nahm sich meiner Gedanken und Sorgen an, trug sie mit den Wellen hinaus.

Hin und wieder traf ich an Klippen und Stränden auf Menschen, die es mir gleichtaten und ebenso ihren Blick mit der Ferne verbanden.

Da wuchs in mir die Vorstellung, dass es zu allen Zeiten empfindsame Menschen mit ihren Gedanken und Emotionen ans Meer getrieben haben müsste. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher sah ich die Menschen aus unzähligen Kulturen und Epochen aus der Geschichte heraus vortreten und Gestalt annehmen. Ich sah die Megalithkulturen in ihren Steinkreisen zur Wintersonnwende, sah die Kelten der Hallstattzeit, die irischen Hochkönige mit ihren Clans, sah die Wikinger und die Normannen in ihren Drachenbooten, sah die Angelsachen, sah die Halbverhungerte, die die Verhungerten während der Great Famine betrauerten, ein riesiger Strom, der aus der Vergangenheit heraus hervortrat und seine Gedanken und Nöte ins Meer wälzte und mir wurde bewusst, wie viel dieser Ozean über die Zeit in sich aufgenommen haben musste und, dass es nur folgerichtig war, wenn die Götter manchmal, unter der Wucht dieser unzähligen Gedanken, Nöte und Sorgen, die sanften Wellen umschlagen ließen und im Sturm das ein oder andere Menschenleben forderten.

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Last Modified on 22. Januar 2016
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