Reisen durch ein fernes Land I

Die letzten Tage des Oktobers sind warm und auf den Fahrten durch das Land zeigt sich der Herbst in seinem mannigfachen Farbspektrum und ebenso erscheinen mir die Städte in ihrem Alltagsgrau, von vielen Farbschattierungen durchdrängt.

Leipzig, Berlin Bochum, Dortmund, Castrop-Rauxel, Witten. Die Namen wechseln, sind irgendwo beliebig, die Menschen auf die ich treffe geben ihnen ihre individuelle Färbung. Alte Freunde und neue Bekanntschaften, dazwischen die Anonymität der Städte mit ihren Randgestalten.

Die Vielzahl an Obdachlosen drängt sich mir in Dortmund ins Bild, dazu die Punks, die Anti-Bayern-Songs skandieren und mit ihrer Büchse klappern. Ökonomisch erfolgreiches Konzept. Die Münzen klimpern. Anti-Bayern ist vertrauter als gegen das Establishment.

»Die Hoffenheim-Trikots gibt es heute für zehn Euro und zwei davon gehen an die Kinderkrebshilfe«, hallt es von einer Tombola in Hannover-Hauptbahnhof, während die Polizei damit beschäftigt ist, die Gestrandeten von den Boulevards fernzuhalten, um die Konsumenten nicht zu irritieren.

Manchmal entstehen Oasen in den Städten. Ein Antiquariat in denen Yeats und Lotz keine Unbekannten sind, dann wieder Orte, an denen unsere Lesung nur den Radioschmalz von Howard Carpendale und Unheilig unterbricht oder der Geruch an einen Asia-Imbiss erinnert.

Wo die Abgründe in Blickweite, bleibt das Interesse an abgründiger Literatur begrenzt. Ein Blick auf die Straße genügt. Es sind dies nicht die Abende, die in die eigene Geschichte eingehen werden, aber auch hier leuchten die Färbungen des milden Herbstes durch die Menschen. Ein Café-Besitzer, der uns stolz seinen Käsekuchen ohne Fertigmittel präsentiert, ein Kneipenwirt mit seinen beiden adoptierten nepalesischen Söhnen, die nun in Deutschland studieren.

Eine wilde Mischung aus Farben hat dieser zu warme Herbst. Nazis in der nächtlichen S-Bahn in Dortmund-Dorstfeld, dann wieder ein Türke, der einem Afrikaner mit seinem in der U-Bahn vergessenen Buch hinterhereilt und dadurch seine eigene Bahn verpasst. Unsere Blicke treffen sich, er lacht. »Ich nehme die nächste. Bücher sind wichtig.«

Ich nicke. Ich reise selbst mit einem Trekkingrucksack voller Bücher durch die Lande.

Das hat in Zeiten von Kindle und i Tunes einen absurden Reiz, wie in diesem Werner Herzog-Film, Fitzcarraldo, in dem er Kinski ein Schiff über den Berg schleppen lässt. Manchmal denke ich, dass es einfacher wäre, Staubsauger zu verkaufen, aber das ginge an der Sache vorbei. Der Reichtum ist anderer Natur und ja ich fühle mich beschenkt auf der Reise durch dieses Land, ohne dass ich in diesem Land wirklich heimisch werde. Alles ist im Fluss, Bilderreigen von Waldlandschaften und Bahnhofsvorplätzen. Durchgeknallte Jugendliche mit Aggressionen gegen Mülltonnen in Hannover-Nordstadt.

Immer wieder Bahnhofshallen. Man lernt das Warten, wenn man mit der Bahn reist. In einem überfüllten und verspäteten Zug von Berlin nach Bochum, schlägt mir die Frustration in den Gesichtern entgegen und dennoch, dazwischen ein Mädchen, das sich in die »Göttliche Komödie« vertieft hat. Wie schön ist das denn.

Veröffentlicht am 29. Oktober 2013

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