Reise durch den negativen Anarchismus

Bukarest Aeroportul Henri Coandă nach Nürnberg Albrecht-Dürer, zwei Stunden mit Wizz Air, einer ungarischen Low-Cost-Airline, die vor allem die Ziele der Arbeitsmigration in Europa bedient und die nichtexistente Beinfreiheit lässt Assoziationen aufkommen mit irgendwelchen Kähnen und Seelenfängern, die in anderen Jahrhunderten voller Träume Amerika ansteuerten. Man kommt irgendwie an und der Polizist bei der Passkontrolle meint auf das »Grüß Gott!« nur:«Ich erschrick ja scho, wenn jemand deutsch spricht, aber »Grüß Gott« geht in Herzinfarktsnähe.«
Nach 50 Kilometern Landstraße, für die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Fränkische Schweiz hätte ich eine Woche Urlaub einplanen müssen, steht man wieder in diesem Gemisch aus Erinnerung und Gegenwart, in dieser Hauptstraße der Kindheit und schaut auf die leeren Fenster, die in der Erinnerung noch belebt sind, läuft vorbei an der Metzgerei, wo man als Kind oft bei Wienern und Spezi saß, weil der Onkel halt nicht nur Metzgermeister, sondern auch Pate war und deshalb auch zur Einschulung in der Schultüte, die man vor der Klasse geöffnet hat, eine große Gelbwurst zuoberst; was ja ein naheliegendes Geschenk ist für einen Metzger, aber als Erstklässer ist man dann doch a wenig überrascht, dass in der Schultüte ne Wurst liegt, weil bei den anderen Kindern war das anders.
Man wandert, den Skulpturenweg an der Wiesent entlang und betrachtet die eifrigen städtebaulichen Aktivitäten zur 700 Jahrfeier der Stadtrechte. Man ist erstaunt, mit welchem Selbstbewusstsein man eine Landschaft, die die Romantiker beflügelte und zu Gedichten inspirierte, verunstalten kann. Betonstellen von 1,50 Meter zieren den malerischen Weg am Fluss entlang. Auf den Betonstellen kleine kunterbunte Gefäße von vielleicht 30 Zentimetern, die dann so etwas wie Kunst darstellen sollen. Diese Landschaft braucht keine moderne Kunst, möchte man den Verantwortlichen für diesen Unsinn zurufen, denn diese Landschaft ist Kunst auch ohne menschliches Zutun. Wer moderne Kunst sehen will, reist gewiss nicht in die Fränkische Schweiz, sondern dorthin, wo man sich damit auskennt.  Und auf Schritt und Tritt begegnet einem dieser fränkische Minderwertigkeitskomplex. Ich sah sogar Bierwanderer mit  Dosenbier, nach dem Motto: “Wir wandern durch die brauereireichste Gegend und trinken dabei die Brühe von Heineken, weil sonst könnte man die Gesamtschönheit gar nicht mehr aushalten.”
Michael Sailer, der Münchner Schriftsteller hat das mal als negativen Anarchismus der Franken bezeichnet, die sich auch an merkwürdigen Mehrzweckhallen, die den Burgblick verdecken oder ohne Not zubetonierten Biergärten zeigt. »Mir könnten eigentlich a total schönes Leben hom, mit unserer Einstellung, so wie wir leben. Aber wir nutzen diese Einstellung und diese Freiheit, die mer uns selbst verschafft haben, dazu, die Welt um uns herum kaputtzumachen.«
Ein langjähriger Freund erzählt mir, dass man nun in einem alten Brauhaus, gegenüber einer der besten Kleinbrauereien der Region, eine Erlebnisgastronomie mit einer großen Industriebrauerei errichten möchte. Mir schaudert es bei dem Zusammendenken von Fränkischer Schweiz und Erlebnisgastronomie. Das klingt nach einem Freizeitpark Geiselwind für Biertrinker. Man hat praktisch das beste Bier, aber karrt dann irgendeine Plärre an.
Aber ist es nicht so, dass man das eben gerade nicht will – ich sehe mich mit meinen sporadischen Besuchen eher als Tourist denn als Einheimischer – dieses gezwungene Erlebnis? Ist nicht die Welt voller Events und Erlebnisse, die man punktuell abrufen kann. Eine einzige Erlebnis-App. Liegt das größere Erleben nicht in der Abwesenheit eines gezielten Erlebnisses, in der Natürlichkeit, die sich diese Region in vielen Teilen bewahrt hat. In dieser Bodenständigkeit, wie man sie noch in Brauereigaststätten wie dem »Held-Bräu« in Oberailsfeld vorfindet, wo die Bedienung den neuankommenden Gästen, die ratlos in der vollen Gaststube stehen, einfach zuruft: »Na dann ruggts hald a weng z`samm!« und schon  sitzt man zusammen im Gespräch untereinander
Im Ellertal einige Kilometer weiter haben sie sich den Marketing-Slogan ausgedacht »Die Toscana Frankens« und ein anderer Freund aus dieser Region fragt mich zurecht, ob wohl auch die Toscana sich auf ein Marketing »Das Franken der Toscana« einlassen würde. Mit Gewissheit nicht, denn sie sind sich dem natürlichen Reichtum ihrer Region gewiss, aber langweiliger wäre es dann auch, weil wer braucht schon eine zweite Toscana, dann lieber doch mit Kafkas “Es muss alles immer noch schlechter werden, damit es gut wird!” mutig voran. Bast scho!

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