Nur ein Sonntagnachmittag

Aus ihrem Wesen sprach diese offensive Gelangweiltheit, wie man sie bei Frauen vorfindet, die sich der Wirkung dieser auf andere bewusst sind und für die sich jeder Ort, an der eine Handvoll Menschen zusammenkommen, zunächst einmal als Bühne darstellt.
Sie saß in diesem Café, wie jemand der weder Interesse an Kaffee und Kuchen hatte, noch irgendetwas anderes hier erwartete, sondern aus dem einfachen Grund, weil ihm dieser Ort über den Weg gelaufen war, wie er mir zufällig in die Quere gekommen war und mich nötigte, meine unbestimmte Fahrt zu unterbrechen, nicht wissend warum. Ebenso wie man, wenn man eine Zeit lang in fremden Ländern zugebracht hat, die Herkunft der Menschen mühelos an Kleinigkeiten erkennt, so erkennt man, wenn man dieser anderen, ungeographischen Ferne sehr nahe steht, auch hier seine Landsleute, diejenigen, die völlig hinter dem was sie vordergründig sind, verweilen und ihre Persona so entschlossen maskenhaft mit sich herumtragen, dass es scheint, man wohne einem griechischen Theaterstück bei, von dem man noch nicht weiß, ob es zur Tragödie, also zum Müssen, oder zur Komödie, also zum Wollen, tendiert.
Sie war eine der guten Schauspielerin, denn alles wirkte perfekt einstudiert, der Überschlag ihrer Beine, die in Leopard-Pants steckten, der Stift, der ihre Lippen nur in der Mitte nachzog, ihre Sonnenbrille, die kunstvoll in ihren Locken steckte und mehr als Haarreif, denn als Sonnenschutz diente und nicht zuletzt das Buch, auf dem Tisch vor ihr, in dem sie hin und wieder eine Seite aufschlug, nur um es dann wieder wegzulegen. (Auch wenn es nur eine Requisite war, so war es doch mit »The Crow Road« von Iain Banks gut gewählt, einmal wegen des schwarzen Covers, was einfach hervorragend mit ihren roten Nägeln harmonierte, andererseits aber auch wegen des schwarzhumorigen Inhalts, mit Passagen voller Sex und Tod.)
All dies durchzog ihre Langeweile mit einer solchen Verve, dass ich es nicht im geringsten langweilig fand, sie bei ihrer einstudierten Gelangweiltheit zu beobachten.
Jedes Detail an ihr war spannend, ihre Kuchengabel, mit deren Spitze sie, fast angewidert ob dieser Tätigkeit, winzig kleine Stücke in ihren Mund schob, ihre Teetasse, die ebenso detailiert-dramatisch zu ihren Lippen geführt wurde, nur um sich langsam wieder zurückzuziehen. Ihre Fingern, die gekonnt durch ihre Locken fuhren, ohne den perfekten Sitz ihrer Sonnenbrille zu gefährden und nicht zuletzt ihr Gähnen, das sie hin und wieder dramaturgisch einfließen ließ.
Sie, die um ihre Bühne wusste, wusste auch um ihre Zuschauer und ihre Wirkung auf sie. Allerdings weiß ich nicht, ob sie darum wusste, dass ich sie beobachtete, weil ich wollte, dass sie wusste, dass ich sie beobachtete.
Dies ist ein eigentümliches Spiel meines Geistes mit einer gewissen Eigendynamik, ich erhebe mich praktisch über die Involviertheit in eine spezielle Situation, ohne diese aufzugeben und erschaffe damit eine neue Beobachtung. Wie ein Akteur der im Theater eine höhere Sitzreihe aufsucht, weil er nicht nur Spieler, sondern auch Zuschauer ist, so suche ich diese höhere Perspektive, um mich selbst bei diesem Spiel mit anderen zu beobachten, ebenso wie ich mir sicher war, dass sie sich ebenso einen höheren Platz suchte, um sich selbst in ihrer Choreographie zu beobachten.
Zwei Einpersonenstücke, die zufällig an einem Sonntag aufeinandertrafen, ohne sich zu berühren, nur um sich auf gleicher Bühne wortlos in Szene zu setzen.
Cork besiegte Dublin an diesem Nachmittag und stand im All-Ireland-Final. Die Kinder strömten mit ihren Hurlingschlägern auf die Straßen, während die Alten freudig ihre Biergläser erhoben und alle vom Finalsieg träumten.
Unser Spiel verlief ohne Körperkontakt und ohne große Fouls, es war dennoch kein langweiliges Spiel gewesen, als ich jedoch noch eine Ebene höher stieg und auf diese unzähligen Felder voller selbstverständlicher Vereinzelungen blickte, erschien mir Tatsache, dass man das Leben so lebte, wie man es lebte, ohne zu wissen, wie man es anders leben sollte, absurd, aber eben auch nicht absurder, als die Freude über einen Sieg von irgendwelchen Menschen des zufällig gleichen Landstrichs, die einem Lederball mit merkwürdig geformten Schlägern hinterher rannten.

Veröffentlicht am 14. August 2013 von michaelschwessinger

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