No Man’s Land

Die Welt ist reich an Absurditäten und auf Rittern von der traurigen Gestalt trifft man noch an den entlegensten Orten. Ein Dendrochronologe, der im nahezu komplett abgeholzten Valea Secului seiner Arbeit nachgeht und mit Hohlbohrer bewaffnet versucht, anhand der Jahresringe der wenigen von Kettensägen verschonten Bäume dem Waldsterben auf die Spur zu kommen, hat jedoch seinen Platz in meiner ewigen Hall of Fame für skurile Typen sicher. Als ich ihn frage, ob er schon wisse, was die Ursache des Waldsterbens sei, antwortet er vielsagend, seinen Blick in die Steinwüste gerichtet: »This is No Man‘s Land!«
Er bietet uns an, uns bis zur nächstgelegenen Stadt Borșa mitzunehmen, während ein völlig überladener Tatra-Truck mit seinen Holzstämmen an uns vorbeischwankt, lassen wir uns auf der Ladefläche seines Pritschenwagen nieder.
Wir kamen eigentlich der Romantik wegen, denke ich mir, als die Landschaft langsam wieder lieblichere Färbung annimmt und dieses Tal mehr und mehr als Alptraum zurückbleibt, aus dem man langsam erwacht.
Valea Vaserului, das benachbarte Wassertal, zeigte noch tags zuvor mit seiner Mischung aus schroffen Felsen, Stromschnellen und bis ins Tal drängenden, uralten Mischwäldern die Postkartenidylle der rumänischen Waldkarpaten. Die touristische Attraktion ist eine alte Dampflok, die im Sommer einmal täglich gemütlich einige Stationen durchs enge Tal tuckert und an den Haltepunkten das rumänische Nationalgericht Micii und Bier anbietet. So um die 200 Touristen kommen im Sommer der Bahn wegen nach Vișeu de Sus, einer einst von den Zipser-Deutschen gegründeten Kleinstadt. Da wir tiefer ins Tal wollen, um von dort aus den Toroiaga zu besteigen, bietet man uns an mit dem Forstarbeiterzug um 6.30 Uhr zu fahren, was wir gerne annehmen. Das frühmorgendliche Tal wirkt fast hyperromantisch, als hätte Caspar David Friedrich hier die Pinselstriche gesetzt und so fahren wir hinein in dieses Gemälde, während die Morgensonne langsam von den Gipfeln ins Tal drängt.
30 Kilometer vor der ukrainischen Grenze befindet man sich nicht nur in geografischem, sondern auch in emotionalem Grenzgebiet, in dem sich Staunen und Entsetzen munter abwechseln. Artig verkünden Schilder, dass Biosphärenreservat und Naturschutzgebiet von der Europäischen Union gefördert werden, wie das Sägewerk auch, allerdings verkünden das keine Schilder. Da erstaunt es auch nicht weiter, dass Dampfbahn für Touris und Abholzung unter derselben Company fungieren.
Im vorderen Teil des Tales Disneyland für die Touristen, während hinter der Idylle kräftig die Motorsäge knattert. Das ist kein Widerspruch, sondern Kapitalismus in Perfektion.
Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, sehen wir einige Tage später, als wir im Valea Vinului, einem Tal im südlich angrenzenden Rodna-Gebirge, auf von Forstmaschinen völlig zerstörte Wanderwege stoßen. In unserer Pension lassen die örtlichen Waldarbeiter am Freitagabend die Woche bei einigen Bier ausklingen. Bei ihrem Anblick wechselt mein Gemütszustand zwischen Hass und Verständnis. Die Welt ist nur einfach, wenn man sie von einer Seite betrachtet. Auch hinter ihnen stehen Frauen und Kinder, steht die Sorge um das tägliche Überleben. Für sie ist es eine der wenigen Möglichkeiten in dieser industriearmen Region Arbeit zu finden. Die Jüngeren hingegen arbeiten im Ausland, vorzugsweise in Italien, und viele der teueren Schlitten, die ihre abendlichen Runden um die Marktplätze der Provinzstädte drehen, tragen italienische Nummernschilder. Auch die protzigen, leerstehenden Paläste im benachbarten Valea Iza, die die Welt der Alten mit ihren traditionellen Holzhäusern wie Gartenlauben erscheinen lassen, zeugen gleichermaßen von erworbenem Reichtum und Verarmung.
»Even if you called them back, there are no places left for them to go, no Garden of Mirth or Bower of Bliss. The Valley of Forgiveness is lined with Condominiums and chain saws are howling in the Forest of Despair«, schreibt Billy Collins in »Death of Allegory«.
Als die Motorsägen am Abend in der Ferne verklingen und ich nach langer Wanderung dankbar auf meinen IKEA-Balkonstuhl sinke – auch wenn damit mein Arsch näher an die Welt der Abholzung heranrückt, als mir lieb ist – und die Idylle dieses wunderschönen Tales in mich aufsauge, erscheint es mir wie ein Abschiednehmen von einer im Untergang begriffenen Welt. Ein Pferdefuhrwerk voller Heu sucht sich seinen Weg durch die Windungen des Tales. Die Landschaft wird unwirklich, erhebt sich zum Gedankentryptychon. Die Seitenflügel in leuchtenden Farben, Himmel und Hölle, unberührte Natur und Turbo-Kapitalismus im stetigen Wechselspiel, klare Quellen und Steinwüsten, Romantik und Weltenbrand im Abendrot. Müde Augen verengen sich zu Schlitzen, die Seitenflügel klappen zusammen, nähern sich an. Intimität der Gegensätze im herabsinkenden Nachtblau, gleich den Tälern Valea Vaserului und Valea Secului; an diesem Punkt, wo sich Wälder plötzlich in Steinwüste verloren.

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