Kapitel XIII

Als ich heute Nacht auf den Dienstplan für nächste Woche blickte, sah ich bei meinem Namen ein V am Dienstag, direkt vor dem bekannten R am Mittwoch. Die restlichen Tage waren Ps. Riposo war mein freier Tag, Presenza meine Arbeitstage und ich suchte in der Legende am Seitenende nach V und fand Vacanza. Nach zehn Wochen Ps mit einem R dazwischen, erschien mir dieser Urlaubstag sehr exotisch und ich dachte mir: Hoppla, was ist da passiert, hat da jemand beim Geldzählen zufälligerweise sich im Arbeitsrecht verlesen und war nun so begeistert, dass er das Gelesene gleich in die Tat umsetzen wollte, oder hatte der Pförtner aus Versehen seine Taschenbuchausgabe von Gramsci in der Chefetage liegen lassen? Schwer zu sagen, schon gestern hatte man mir nach zehn Stunden zu verstehen gegeben, dass ich Schluss machen soll. Ich machte mir keine großen Gedanken mehr darum und ging an die Arbeit. Wo ein V steht ist ein freier Tag, warum auch immer und ich freute mich, dass ich mir dadurch ein wenig die Gegend ansehen konnte und von Italien nicht nur die Hotelküche zu sehen bekam. Mit etwas Glück war ein Auto frei in der Nachsaison und an zwei Tagen würde ich es sogar rüber an die Amalfiküste schaffen.
Ich fing zu arbeiten an und kam gegen zwei in eine kreative Phase, so dass bis vier Uhr einige Zettel und Post-Its wahllos in der Backstube herumlagen oder an den Wänden klebten.
»Buon Giorno, tutto bene?«, erklang eine Stimme hinter meinem Rücken, als ich gerade wieder ein paar Gedanken niederschrieb. Ich zuckte zusammen und sah den Chef in der Tür stehen. Was hatte der hier um die Uhrzeit zu suchen?
Er sah auf die Zettel und fragte:«Rezepte?«
Da ein Ja auf diese Frage äußerst albern gewesen wäre, denn wer schreibt denn schon Rezepte im Fließtext und fängt in der Nachsaison damit an, meinte ich:« Nein, nur Ideen zur Prozessoptimerung«
Das war eines der Wörter, die Chefs immer in gute Laune versetzten. Da hier nichts mehr zu optimieren war, natürlich auch Blödsinn, denn man konnte ja schlecht mit einem halben Bäcker arbeiten, aber bei Glaubensbekenntnissen setzt der Verstand aus. Man hört Optimierung und speichert es ab wie die Jungfrauengeburt. Als Tatsache, die nicht mehr hinterfragt werden muss.
»Das ist gut, kann ich was helfen?«
Da gerade die Ofenuhr klingelte, dachte ich kurz darüber nach, ob ich ihn anbieten sollte, mir die 18 Bleche Semmeln mit den Silikonhandschuhen, die jedem Haushaltsherd oder Kindergeburtstag zur Zier gereicht hätten, aus dem Ofen zu ziehen. Beim sechsten Blech sind die Pfoten rot und wenn man nicht weiß, dass man bei der Hälfte das andere Paar nehmen muss, ist das eine interessante Erfahrung, aber dann dachte ich, lieber nicht, weil wenn er dann Gefallen am Backen findet, dann rennt der dir jede Nacht in deine Schreibphase hinein, also lieber »Tutto bene! No, grazie!«.
Aber was für eine zufällige Häufung von Freundlichkeit, da vergisst man ja fast die Plackerei der letzten Wochen, denke ich mir noch und mache meine Arbeit fertig. Als ich mich doch nochmal vergewissere, dass ich mich mit dem V nicht verschaut habe, da fällt mir doch das Plakat daneben auf, das ich im Halbschlaf in der Nacht gar nicht gesehen hatte.   „Nächste Woche Mitarbeiterbefragung vom Mutterkonzern“, war die Info und „Together we change!“
Der Mensch besitzt zwar ein Langzeitgedächtnis, aber emotional ist man da dann doch im Kurzzeitgedächtnis und ich mit meiner Freude über die zwei freien Tage und dazu der nette Chef, der dir früh um vier in der Backstube helfen will, denke mir, da gibt es doch in dieser euphorischen Stimmung gleich ein »Tutto bene!« in allen Bereichen.
Gianluca, der Fleischer tritt neben mich und meint dann wirklich:
»Tutto bene, nächste Woche!«
Ich muss Lachen, aber er meint es ernst und legt mir seinen Arm um die Schulter und redet mit mir Schweizerdeutsch, weil er im Winter immer in der Schweiz arbeitet:
»Michele, du bist neu hier, aber du musst wissen, das hier ist nicht Deutschland und auch nicht die Schweiz. Haste Probleme, dann intern. Wir hier haben nie auf die oben vertraut!«
Es ist nicht ganz klar, wen er mit »wir« und »die oben« meint. Es klingt, als ginge dieses Misstrauen über die Mauern der Anlage und diesen Fragebogen hinaus, als spräche er nicht von diesem Ort hier, sondern von der ganzen Region und einem Wissen, das älter ist als ein Menschenleben.
»Also tutto bene, weil sonst kommen sie mit ihren Kontrollen und das wird alles nach unten durchgereicht und die Arbeitsverträge für die Wintersaison, die kommen in zwei Wochen … oder auch nicht. Also, tutto bene!«