Kapitel XII

Mein Vorgänger auf diesem Posten war »der Grieche«, so nennt man ihn hier. Die richtigen Namen verblassen hier schnell. Man erkennt sich, solange man gemeinsam arbeitet, am Namensschild. Ist das Schild weg, macht es auch keinen Sinn, den Namen zu merken. Der größte Teil der Belegschaft arbeit hier nicht länger als eine Saison. Auch ich hatte mich nicht für ihn interessiert, obwohl hin und wieder von ihm die Rede ist. Was kümmert mich der Bäcker der Vorsaison, aber gestern stieß ich in der untersten Schublade meiner Kommode auf ein kleines Notizbuch. Es war eigentlich nur ein Schreibheft, nicht eines dieser schicken Bücher mit Gummizug, wie man es in den Buchhandlungen zu kaufen bekommt und wie es jeder zweite Schriftsteller in spe mit sich führt. Die Kommode hat drei Schubladen. Da mir zwei für meine wenigen Habseligkeiten reichen, habe ich der untersten nie Beachtung geschenkt. Ich blätterte ein wenig darin, konnte aber nichts entziffern. Als ich es schon wieder zurücklegen wollte, fiel mein Blick auf einige Zeilen, die abgesetzt vom übrigen Text der Seite standen. Datiert war der Eintrag auf den 12. August 2016.
»Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα καὶ Πληίαδες· μέσαι δὲ νύκτες, παρὰ δ’ ἔρχετ’ ὤρα, ἔγω δὲ μόνα κατεύδω«, war da zu lesen. Ich kannte die Zeilen, sie stammten aus einem Gedichtfragment von Sappho. »Hinabgetaucht ist der Mond und mit ihm die Plejaden. Mitte der Nächte, streicht die Stunde vorbei doch ich liege allein danieder«
War lange her und ich war erstaunt darüber, dass mir die Übersetzung noch einfiel. Altgriechisch war die letzte Sprache, die ich komplett offline gelernt hatte, vielleicht deshalb die lange Haltbarkeit der Erinnerung.
Ich blätterte noch einmal durch das Heft und sah, dass es mehrere dieser Einträge gab, die sich vom übrigen Text abhoben. Ich gab eins davon bei google ein. »Der Mensch ist unsterblich in seinen Wünschen und sterblich in seiner Angst«, stand unter dem Datum des 05.09.2016. Ein Zitat, das man Pythagoras zuschrieb.
Diese Entdeckung versetzte mich in Erstaunen. Zeigte sie doch, dass man auch aus einem Kellerloch wie diesem zu der Weite der Gedanken vordringen konnte oder vielmehr, dass viellecht gerade dieser Raum mit seinem kleinen Fenster, seinem schlichten Inventar aus Kommode, Schrank und Bett, einem in diese Monotonie hüllte, die dem Denken Raum gab?
Ich überlegte, was ich über den Griechen wusste. Der Chef war nicht gut auf ihn zu sprechen und meinte gleich zu Beginn: »Die ganze Saison dieses Scheiß-Brot. Ständig Beschwerden über Bauchschmerzen und immer diese Grundsatzdiskussionen und eckig, rund und lang sind keine Brötchensorten. Klar! Ein Kreis ist etwas völlig anderes als ein Viereck, sagte er da immer. Ist mir schon klar, aber da draußen sind Gäste, die sehen das anders. Die zahlen 250 Euro am Tag. Also acht Brötchensorten! Verschiedene! Ich hab da ja mein Veto eingelegt, aber der Misotakis sitzt ’nen Stuhl höher, der hat den durchgedrückt. Die ganze Saison nur Scheiß-Brot! Nicht noch einmal!«
Ich wusste nicht, wer Misotakis war, auch nicht, wie man einen Stuhl höher sitzen konnte, aber verstand dennoch, was er meinte.
An der Rezeption waren sie erstaunt, als ich in der ersten Woche um Mitternacht nach dem Schlüssel für die Küche verlangte.
»Jetzt schon, der Grieche kam immer erst um vier!«
In drei Stunden Frühstück für 1400 Urlauber ist eine recht sportliche Angelegenheit, dachte ich mir da noch.
Pedro, der das Lager organisiert, fragte mich, warum ich nur eine Kiste Hefe pro Woche brauche, denn der Grieche bestellte immer vier. Das erklärte zumindest die Bauchschmerzen, von denen der Chef sprach und erklärt auch die schnellen Semmeln.
Aus all diesen Fragmenten ergab sich langsam das Bild eines Mannes, der es mit dem Backen nicht so genau nahm, dafür aber schönen Gedanken nachging. Ich werde den Gärtner fragen, ob er etwas über den Griechen weiß. Auch er gilt hier als Grieche, kommt aber aus dem Salent und spricht Griko, eine Sprache, die altgriechische und bzyantinische Elemente enthält und auf die Zeiten der griechischen Besiedelung zurückweist. So vermischen sich in mir bereits die Linien zwischen Fiktion und Erzähltem und der Grieche erscheint mir selbst wie eines dieser Fragmente in seinem Heft. Das Sichtbare und der große Raum dahinter.

 

Last Modified on 3. September 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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