Kapitel XI

– Zwischen der linkischen Vertraulichkeit, mit der seine Kameraden den Abstand zu überwinden versuchten, den das unbegreifliche Schicksal plötzlich zwischen ihn und sie gelegt hatte, und seinen eigenen vergeblichen Bemühungen, aller Welt mit der gewohnten Unbefangenheit entgegenzutreten, schien der geadelte Hauptmann Trotta das Gleichgewicht zu verlieren, und ihm war, als wäre er von nun ab sein Leben lang verurteilt, in fremden Stiefeln auf einem glatten Boden zu wandeln, von unheimlichen Reden verfolgt und von scheuen Blicken erwartet. (Joseph Roth: Radetzkymarsch) –

Nach der Arbeit, gewöhnlich so gegen zehn Uhr morgens, hole ich mir immer Frühstück vom Buffet und gehe rüber zur Mensa der Angestellten. Ich könnte auch im Restaurant mit den Urlaubern essen, mein Rang erlaubt es mir, doch mir ist das Resopal lieber als das feine Gedeck. Das ist keine politische Entscheidung, sondern eine emotionale. Mir reicht ein Senfglas für den Rotwein, während mich ein Dekanter auf dem Tisch in Anspannung versetzt. Keiner hat dieses Unbehagen wohl besser beschrieben als Joseph Roth. Sein Freiherr von Trotta nimmt die Segnungen des Kaisers, die ihm den Aufstieg in den Adelsstand ermöglichen, widerwillig, wie Beleidigungen entgegen. Ich kann das gut verstehen. Unser Habitus geht über die ökonomische Möglichkeit hinaus.
Normalerweise ist um diese Zeit in der Mensa viel Betrieb, und es ist schwierig einen Sitzplatz zu bekommen. Heute jedoch war die Mensa leer und alle standen beklommen vor der Tür und schlürften ihren Kaffee im Stehen. Einer, der gerade mit einem Plastikbecher rauskam, wedelte nur mit den Händen. Sein Blick war eindeutig, da gab es Stunk. Ich fragte, was los sei und er meinte nur: »Signora de la mensa!« Da sich die drei Eier und zwei Scheiben Speck nicht schön im Stehen essen ließen, ging ich einfach rein. Serena hatte Dienst. Serena ist so um die Zwanzig und eine liebenswerte Person, die beim Kochen immer mal singt. Ich mag ihre Art, wie sie durch die große Küche streift und die Reste einsammelt und dann nach ihrer Phantasie etwas zusammenstellt. Mal gibt es Kartoffelsalat mit Thunfisch oder grünen Bohnen, dann wieder Risotto-Lasagne. Sie versteht es, ohne großes Tamtam gut zu kochen. Heute jdoch war sie außer sich vor Wut und nur eine Naivität schützte mich vermutlich vor einem weiteren Geschoss. Die Scherben einiger Teller und Gläser lagen auf dem Boden. Ich setzte mich, schenkte mir einen Schluck Wein ein und fragte:
»Problema?«
»Si, forte nervosa oggi!«
Und dann fiel sie in ein Italienisch, dem ich nicht mehr folgen konnte, und zeigte dabei auf dreckiges Geschirr, dass sie soeben zusammen gesammelt hatte. Dazwischen einige Flüche, die man auch ohne großartige Sprachkenntnisse heraushören konnte. »No sonno signora di servicio!«, wiederholte sie mehrmals und ihre Wangen glühten dabei. Da sie beim Geschirr stand, wollte ich die Diskussion nicht weiter vertiefen und widmete mich meinem Frühstück. Wer sich mit zwanzig Jahren »Home Sweet Home« über den Unterarm tätowieren lässt, bei dem sollte man sein Geschirr vielleicht besser wegräumen.
Irgendwann fing sie wieder zu singen an und die Töpfe brutzelten munter vor sich hin. Als ich ein wenig darüber nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass Singen das beste war, um diese Situation zu lösen. Hätte sie den Frust ins Kochen gelegt, hätten alle darunter gelitten und da Essen hier sehr wichtig ist, hätte sich der Frust auf die ganze Küche ausgeweitet. Mit schlechtem Essen im Magen, kann man nicht kochen, kann man nicht Spülen und kein Brot backen. So gingen nur ein paar Teller und Gläser zu Bruch, und es war davon auszugehen, dass die Mensa am nächsten Tag nicht wiederzuerkennen sein würde. So hat hier jeder seine eigene Art von Stressbewältigung.
Als ich nach draußen ging, stand ein »Und wie ist die Lage?« in den Gesichtern. Ich drückte meine Hände mehrmals nach unten und zog eine Schnute. Das verstand jeder. Das Unwetter war weitergezogen.

Last Modified on 1. September 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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