Kapitel X

– Wir weigern uns zu sehen, dass das Leben eine dem Gleichgewicht gelegte Fußangel ist, dass es ganz und gar in Unbeständigkeit, Labilität besteht und in ihr sich verliert. (Georges Bataille) –

Gestern ging ich zur Beach-Party. Eigentlich sollten alle Mitarbeiter dabei diese Hawaiiketten tragen, aber davon steht nichts in meinem Arbeitsvertrag. Es ist eine der vielen Grauzonen oder Empfehlungen, wie es heißt.  Wichtig für Ansehen in der Gruppe und zukünftige Beschäftigungsverhältnisse im Unternehmen. Da ich an beidem kein Interesse zeige, kann man mir in dieser Sache nichts anhaben. Es sind noch sieben Wochen Saison. Solange ich hier der einzige Bäcker bin, liegen die Argumente auch klar auf meiner Seite. Hawaiiketten sind für mich ein klarer Kündigungsgrund. Keiner will – infolge eines Streit um eine Hawaiikette – den Gästen ab Morgen Lidl-Brot zumuten.
Die Party war ein gutes Beispiel für diese immer zahlreicheren »als-ob-Welten«. Tänzer waren da und es gab Bratwurst und Bier, auch die Dekoration war fein, aber Stimmung mochte keine Aufkommen. Die Mitarbeiter zu müde, schon im Gedanken bei den Aufräumarbeiten oder dem nächsten Tag und die Gäste zu satt von der Welt. Es sah nur so aus, als ob gefeiert würde. Es war nur noch die Vorstellung und der Konsum möglichst vieler Welten zu spüren, nicht mehr die Gegenwärtigkeit einer einzigen. Ich holte mir ein Bier und dachte über dieses neue Paradox Einzigartiges Erlebnis nach. So hieß es zumindest in der Ankündigung des Tagesprogrammes: Komm zur Beach-Party. Ein einzigartiges Erlebnis! Nichts  erschien unpassender als diese Beschreibung. Die deutsche Vorsilbe »er-« ist eine dynamische Vorsilbe, sie drückt, wie es bei Fritz Mauthner heißt, »eine Bewegung zum Sprechenden hin« aus. Wenn wir also ein Erlebnis haben, dann ist es doch so, dass wir das Leben, das sich auf uns zu bewegt, in diesem Moment zulassen; also das Lebendige willkommen heißen und es nicht besitzen wollen oder es mit einer Vorstellung, wie ein Erlebnis zu sein hat, okkupieren. Als ich darüber nachdachte, wie absurd das alles war und beobachtete, wie jeder versuchte dieses Erlebnis, das gar nicht stattfand, in sein Smartphone zu zwängen, um es als Urlaubssouvenir mit nach Hause zu tragen, kam der Chef zu mir. »Tutto bene?«, fragte er, aber es war ein anderes »Tutto bene?« wie ich es sonst gewohnt war. Normalerweise war es eine Floskel, die im Vorübergehen so von ihm dahingesagt wurde. Vermutlich hundertmal am Tag. Nun aber stand er neben mir und eine Antwort wurde erwartet. Ich zögerte und in diesem Zögern lagen die ganzen zwei Monate, die ich hier verbrachte. Es lagen die vielen Seiten, die ich geschrieben hatte und die Wut, die ich oftmals empfunden hatte, darin. Es gab soviel zu sagen, aber nach diesem Zögern sagte ich nur: »Si, tutto bene!« Er spürte diese Pause und meinte, dass er wüsste, dass die Saison schwierig sei und machte ein hilfloses Zeichen mit den Händen. Das erstaunte mich, denn es zeigte mir, dass er mir auf dem unbequemeren Pfad entgegenkam, denn er hätte auch sagen können: »Super, na dann. Alles Gute weiterhin!«
Da wir uns also über eine Leerstelle näher kamen als über Worte – denn das Zögern gab der Antwort einen Januskopf, der nach beiden Seiten Raum lies – konnten wir uns ohne Respektsverlust und Verstellung über diese Sache verständigen. Hätte ich darüber Worte verloren, dann hätte er in seiner Funktion als Chef reagieren müssen, was uns in eine konträre Diskussion gebracht hätte, so musste er es nicht, gab mir durch die Wahl seiner Antwort jedoch zu verstehen, dass er die Nuancierung zu deuten wusste.
Erstaunlich, was dieses Nicht-Wort dazwischen zu bewirken vermag. Im Grunde sitzen wir im gleichen Zug, der eine Holzklasse, der andere etwas komfortabler, aber auch er hat seine Chefs im Rücken, die jährlich Wachstum fordern und Urlauber, die mit ihm wöchentlich Fisch nach Salento-Art zubereiten wollen. Ob und wann ein jeder bei dieser Fahrt gen Abgrund den Halteknopf drückt, das sind keine Dinge, die auf einer Strandparty entschieden werden, dann lieber doch ne Dose Bier. Meine Haltestelle bei diesem erkenntnisreichen Sommerausflug ins Land des Lächelns ist auf den 20. Oktober datiert. Danach müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn ich noch einmal in diese Geisterbahn einsteigen sollte.

Last Modified on 31. August 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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