Kapitel VIII

– über den Wert von Engadiner Nusstorten und andere Träumereien –

Was wäre die Welt ohne ihre Renegaten, ohne ihre Querläufer? Eine ziemlich dünne Suppe ohne Salz, dachte ich mir. Es war halb drei nachts und ein plötzlicher Wetterumschwung brachte Regen und Kühle. Die Hefe reagierte darauf mit Arbeitsverweigerung und ich deshalb auch. Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich unter das Vordach. Es gibt kaum was Angenehmeres, als bei Regen unter einem Vordach zu sitzen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich dachte an die ganzen verrückten Bäckereiprojekte, die mir in den Jahren untergekommen waren und versuchte sie in eine Art Ranking zu bekommen. Da war dieser Typ auf Tahiti, der ne Bäckerei aufmachen wollte und mir 10% Umsatzbeteiligung versprach. Das Problem lag nur darin, dass er lediglich einen Küchenherd besaß und auch wenn dieser 24 Stunden am Tag laufen würde, würden 10% davon immer noch eine jämmerliche Summe abgeben, die uns beide zu tahitischen Sozialhilfempfängern machen würde. „Aber, wenn wir wachsen, dann kaufen wir noch einen Küchenherd und noch einen …!“ Schon klar, bis wir mit 50 Küchenherden auf Tahiti stehen. Dann war da diese Schweizerin, die sich in den Kopf gesetzt hatte, einen Rikscha-Lieferservice in Neu-Dehli für Engadiner Nusstorten aufzubauen. „Ich ess die doch so gern und meine Freunde sagen auch, das hat Potential!“ Die Aussage werde ich nicht vergessen. Meine Freunde sagen, dass ich gut schreibe! Klar, sagen das die Freunde, aber was sagen die Inder oder zumindest die dreizehn Eidgenossen in der Botschaft – haben sie Sehnsucht nach Engadiner Nusstorte? Oder dann war da dieser Mann, der ’ne Bio-Bäckerei irgendwo zwischen Tschernobyl und der Ostukraine aufbauen wollte, direkt an der russischen Grenze. Und diese verhängnisvolle Brezelbäckerei in Tunesien am Vorabend der Arabellion, die mich 500 Tacken gekostet hat, noch heute mache ich drei Kreuzzeichen, dass dieses Projekt rechtzeitig in die Hose ging und dann war da noch diese Bäckerei im Grenzland zwischen Abu Dhabi und Dubai. Mitten in der Wüste und der Typ meinte schon: „Also mit Freundin musste auf die Grenze aufpassen. Dubai ist das wurscht, aber in Abu Dhabi, dann doch besser wenigstens symbolisch verhüllt.“ Die Grenze war wohl irgendeine Sanddüne und dieser Moment, ewig in meiner Erinnerung, als er sagte, dass die letzten beiden Gesellen mit dem Schiff abgehauen wären. Mit dem Schiff in der Wüste, meinte ich und dachte an eine Metapher, also Kamel oder Dromedar. Nein, mit dem Schiff Richtung Iran. Es ist hier nämlich so, dass du offziell ohne die Beendigung deines Arbeitsvertrags nicht ausreisen darfst, also sind sie illegal rüber in den Iran. Das sorgt natürlich für Vertrauen gleich im ersten Gespräch, wenn die Gesellen den verschärften polnischen Abgang machen, also mit einer Dhau über den Persischen Golf, nur um den Chef nicht mehr zu sehen, das sorgt wahrhaftig für Vertrauen im Erstgespräch. Wenn ich daran denke, muss ich lächeln, weil einem soviel Welt geschenkt wurde und wenn mich jemand fragt, wovor ich Angst habe, dann würde ich sagen: Vor Arbeitsverträgen mit langen Kündigungszeiten, weil ich am liebsten gehe, wenn es mir nicht mehr passt oder ich würde sagen, vor der Visionslosigkeit der Menschen hätte ich Angst, aber niemals wäre einer von diesen Tagträumern und oftmals halbseidenen Gestalten dabei. Ich mag sie, weil sie mich fordern, weil man immer auf der Hut sein muss, dass man nicht gelinkt wird und das heißt du musst mit allen Sinnen wach sein. Du hast kein Arbeitsrecht, auf das du dich berufen kannst, alles face to face-fights. Keine Gewerkschaft, die deinen Lohn durchsetzt. Polnische Abgänge sind da manchmal notwendig, aber hinter all diesen Menschen steht auch immer ein Traum und man spürt diesen Traum. Manchmal ist man nicht Teil dieses Traumes, sondern nur Mittel zum Zweck, aber man spürt dennoch diesen Traum. Ich suche immer nach Menschen, die träumen. Wenn ich keine finde, schaue ich kurz in den Spiegel und finde immer einen Träumer. Ein Traum kann der Höhepunkt des Lebens sein, schreibt einer meiner Lieblingsautoren, der Nigerianer Ben Okri, und ein anderer meiner Lieblinge schreibt in einem seiner Gedichte: Tread softly because you tread on my dreams. Nie werde ich die glücklichen Gesichter zweier junger Liebender in einer Leipziger Bäckerei vergessen. Sie kauften einen alten Ofen und ich fragte sie: „Und wohin gehts?“Nach Daressalam“, sagte das Mädchen und ich weiß nicht, ob da jetzt ’ne deutsche Bäckerei steht oder ob der Ofen jemals dort ankam, aber wie sie es aussprach, dieses Daressalam, lag darin die ganze Welt mit all ihrem Zauber verborgen.

 

Last Modified on 23. August 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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