Kapitel VII

– über Anzüge im außermoralischen Sinne und warum man auch ohne sie zum Gala-Dinner kommt –

Im Gang zum Restaurant traf ich auf den Direktor. Er trug einen weißen Anzug und sah sehr erholt aus. Mit diesem Status war er einer der wenigen hier. Die Augenringe wuchsen scheinbar gegen die Hierarchie an, aber niemand will im Urlaub einen Clubchef sehen, der völlig im Eimer ist. „Ahh, der Bäcker noch im Freizeit-Dress“, meinte er als er mich sah. Ich blieb stehen und gab ihm die Hand. Er stand direkt vor der Wall of Fame, die berühmte Gäste des Clubs zeigte. Links von ihm sah ich ein Bild von Andy Brehme, rechts vervollständigte Heribert Fassbender dieses seltsame Triptychon. Das muss nach seiner Catenaccio–Carpaccio-Verwechslung bei der WM 2002 gewesen sein, dachte ich mir und sah, dass der Chef immer noch da stand. Normalerweise huschte er flink mit einem „Tutto bene?“ vorbei, so flink, dass man die Frage in Frage stellte und sie irgendwann als Aussage quittierte, da man keine Zeit zur Antwort fand, also dieses „Alles in Ordnung?“ von den Mitarbeitern nie beantwortet werden konnte. Es war Freitag, Gala-Abend, der Höhepunkt des Urlaubs wie es im Prospekt hieß. Also eigentlich Abendgardarobe für die Mitarbeiter. Ich hatte keinen Anzug, hatte diesen Punkt als nicht wichtig für Bäcker erachtet, und was der Direktor als Freizeit-Dress bezeichnete, also Hemd und Cargo-Hose, war das beste, was in meinem Koffer zu finden war. Ich antwortete ihm, dass Kinder und Frauen mein Geld verschlingen würden. Er lachte und winkte mich durch. Er war der Typ für solcherlei Späße. Den älteren Paaren gefiel das. Im Restaurant war die Hölle los. Bei den Austern war kein Durchkommen mehr und auch beim Schwertfisch war mächtig Betrieb. Ich ging zur Nudeltheke und holte mir Spaghetti mit Bolognesesoße, dort standen nur zwei Kinder und luden Nudeln auf ihre Hello-Kitty-Teller. Ich sah, dass beim Tennislehrer am Tisch noch Platz war und setzte mich dazu. Er hieß Robert, hatte gerade Abitur gemacht und kam aus Treuchtlingen. Er aß einen Rinderbraten und trug einen karierten Anzug mit gestreifter Clipkrawatte, dazu einen Acht-Euro-Bogart von H&M, der seine Locken nur notdürftig bändigte. Nun, dachte ich, er wurde fürs Tennisspielen bezahlt, nicht für Mode-Design. Karl Lagerfeld läuft ja auch nicht mit Tennissocken rum. Die Zunahme der Anzüge im Sportbereich war mir eh suspekt. Ich mochte auch im Fußball immer die Trainer, die noch wie Übungsleiter aussahen, nicht wie Manager. Im Trainingsanzug fällt es schwerer Millionengagen durchzusetzen. Wir quatschten ein wenig über belangloses Zeug. Ich sagte ihm, dass diese Woche viele Mohnbrötchen übriggeblieben wären und, dass die Italiener wohl keine Mohnbrötchen mochten, weil letzte Woche, als vermehrt deutsche Urlauber hier waren, die Mohnbrötchen am Abend alle waren. Er antwortete, dass er auch keine Mohnbrötchen mochte. Ich stimmte zu, auch ich mochte keine Mohnbrötchen, habe aber deren weltweite Notwendigkeit in einer Bäckerei nie angezweifelt. Ich hatte noch nie in einer Bäckerei gearbeitet, die keine Mohnbrötchen hatte. Warum das so war, wusste ich nicht. „Diese Woche ist voller merkwürdiger Gäste.“ Ich antwortete mit einem überraschten „Ach, ja!“, obwohl ich an seiner Aussage keinen Zweifel hegte, aber das mag auch an meiner Perspektive liegen, denn für mich waren Menschen meistens merkwürdig. „Die Woche hatte ich einen, der buchte immer um die Mittagszeit bei größter Hitze und wollte mich unbedingt besiegen. Kein schönes Spiel. Total verbissen war der.“ Ich schenkte mir ein Glas Wein ein und nickte, ich konnte mir diesen Typus Mensch gut vorstellen. Vermutlich parkte sein Cayenne direkt vor dem Eingang. „Irgendwann war mir das zu blöd und ich ließ ihm seine Freude, da sagte der doch: Naa, du Nachwuchs-Pat-Cash, noch ein wenig üben, um mit den Profis mithalten zu können!“ Ich überlegte, wann ich den Namen Pat Cash das letzte Mal gehört hatte. War das in den 80ern? „Ist aber auch keine Abendgarderobe, was du trägst“, meinte Robert irgendwann. „Wenn uns die Bourgeoisie schon unsere Arbeitskraft stiehlt, dann wollen wir uns doch nicht auch noch mit ihrer Etikette schmücken, oder?“ Er schaute mich verwundert an, was verständlich war, denn wenn, dann wurden wir von einem Aktienunternehmen, also von Alogorithmen bestohlen. Ich hatte wenig geschlafen. Bei wenig Schlaf neige ich immer zu Romantizismen des historischen Klassenkampfes oder zu Rilke-Gedichten.  Ich musste für ihn jedenfalls wirken wie ein Dinosaurier. „Na ist doch auch schön, wenn man sich mal schick macht, oder? Also ich find’s toll, so im Anzug, das hat was. Da ist man doch gleich ein anderer Mensch.“ Vielleicht sollte ich mir auch wieder einen Anzug zulegen, so ne Mao-Kluft. Wenn der upgrade an Lebensentwürfen vorüber ist, kommt bestimmt der downgrade, dann wäre man damit Trendsetter am Buffet. Ich blickte zum Schwertfisch rüber, das Schwert war noch da, der Fisch vollständig geplündert. Ich war nicht in der Stimmung, mir ’ne Allegorie dazu auszudenken und holte mir eine Scheibe Melone.

Last Modified on 22. August 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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