Kapitel VI

– in diesem der Autor sich der Absurdität dieser Reise bewusst wird, da er in den 47 Tagen seines Verweilens bis dato meistens nur von seiner Bude bis zur Eisdiele gereist ist und, dass damit seine im Vorfeld erhoffte, geografische Italienerkundung sich auf einen Kilometer verdreckter Landstraße zwischen seiner Kartause und einer Straßenkreuzung erstreckt und, dass dieser Kilometer bei 40 Grad mit Stracciatellaeis nicht zu bewältigen ist, und dass ihm, ob der Lächerlichkeit der Situation, plötzlich eine Ruhe befällt, die er so gar nicht erklären kann –

Gewöhnlich nimmt man ja beim Reisen die aberwitzigsten Entfernungen auf sich, um ein paar Steinhaufen anzusehen. So habe ich mal in Irland einen Umweg von 100 km auf mich genommen, um einen Steinkreis zu besichtigen. Naja, ist halt ein Steinkreis, denkt man sich dann, aber vorher war ich mir sicher, dass ich diesen Steinkreis unbedingt sehen muss. Ich könnte unzählige dieser Beispiele aus allen möglichen Ländern aufzählen. Erstaunlicherweise befällt mich diese Energie nur, wenn ich im Ausland bin, sobald ich mich in Deutschland befinde, denke ich mir: ‚Ach, zu den Externsteinen im Teutoburger Wald, kannste auch noch mit dem Rollator rollen.‘ So kommt es, dass ich, wenn ich im Ausland arbeite, die Arbeit nie richtig als Arbeit sehe, sondern als Möglichkeit, die Welt zu erkunden – also Arbeit und Freizeit fließen zu einem Gebilde zusammen. Diese Gleichung ging eigentlich immer auf. Spanien, Irland, Rumänien, sobald der Backschaber aus der Hand fiel, ab ins Land und schauen, was das Land an Schönheit zu bieten hat. Nun ist hier in Süditalien praktisch das Gegenteil zu beobachten und meine italienerfahrung erstreckte sich in den letzten Wochen – eingeschränkt durch extreme Hitze, fehlenden Nahverkehr und einer straffen 60 Stunden Woche – auf einen Kilometer Landstraße mit Plastikmüllspalier. Das ist nämlich die Entfernung zur einzigen Attraktion außerhalb des Clubs: einer Straßenkreuzung mit Supermarkt für die Camper und Eisdiele. Wenn man noch einen halben Kilometer weiter laufen würde, würde man noch auf einen Naturlehrpfad stoßen, der allerdings nur mit Machete zu betreten ist. Ein eifriger Hobbybotaniker könnte sicherlich anhand des wild wuchernden Pflanzenwachstums feststellen, zu welchem Zeitpunkt die letzte Rate für diese EU-Strukturförderung im ländlchen Raum überwiesen wurde. Als es die Tage 40 Grad hatte und mein Ventilator in meiner Bude einem Föhn glich, machte ich mich auf zur Eisdiele. Lagerkoller nennt man sowas wohl. Ich bin kein Freund von Eis, aber noch weniger von Cremeschnitten. Das sind die zwei Optionen, die man an diesem Ort hat. Nun, ich wählte erstere und bestellte mir eine Kugel Stracciatella. Kugel ist nicht ganz richtig, denn sie nehmen hier dafür einen Schaber und die Kugeln sind so groß wie drei Gewöhnliche. Ich machte mich auf den Rückweg und merkte gleich, dass ich nur zwei Möglichkeiten hatte, nämlich die zum einzigen Baum zu rennen, was bei 40 Grad absurd ist, oder die andere, die da wäre, einfach in einer Irrsinnszeit von zwei Minuten dieses halbe Kilo Eis zu verdrücken, ansonsten Milchshake. Ich entschied mich für einen Kompromiss. Etwas schneller zu laufen und dabei das Eis zu schlecken, was vermutlich die schlechteste Variante war, denn ich kam erschöpft und voller Eisflecken auf dem T-Shirt bei der Pinie an. Seit diesem Tag meide ich selbst den Weg zur Eisdiele und mein Radius beschränkt sich auf die 200 Meter zwischen Backstube und meiner Kartause. Jedes thüringische Dorflleben hätte vermutlich einen größeren Attraktionswert als meine Italienreise. Natürlich könnte ich auch noch die zahlreichen Freizeitaktivitäten  im Club nutzen, aber wer will schon seine Arbeitskollegen in der Freizeit sehen oder in das musikalische Kinderprogramm stolpern. So gleicht also mein Radius eher einem Freigänger in einer  JVA als einem kosmopolitanen Lebenswandel. Dieser 5qm-Raum mit Blick auf ein Garagentor könnte irgendwo sonst auf der Welt stehen. Dass dieser Ort Italien ist, erschließt sich aus nichts. Die Möbel sind von IKEA, der Ventilator aus Vietnam, der Tabak aus Österrreich und der Fernseher funktioniert nicht. Summa summarum: Ich kann mich nicht entsinnen, dass mich die Freiheit des Reisens schon mal in eine solch eingeschränkte Situation gebracht hätte. Ich kann mich überhaupt nicht entsinnen, dass ich jemals so gelebt hätte. In den ersten Wochen brachte mich das schier zum Verzweifeln. Die Verzweiflung kam daher, dass ich versuchte, diese Erfahrung mit früheren Erfahrungen abzugleichen, was immer im Desaster endet, weil jede Erfahrung ihren eigenen Wert hat. Als ich begriff, dass diese Reise wohl ihre eigene Dynamik hatte, lösten sich die Probleme auf. Ich dachte an Pessoa, der von den Alltagsbetrachtungen in seiner Rue dos Douradores bis in die letzten Winkel seines Bewusstseins gereist ist. Man darf die Reise nicht ohne die Eigendynamik des Reisens machen. Als ich in den Monaten davor in Leipzig verweilte, sagte ich mir: Super Auszeit, jetzt kannst du ein halbes Jahr schreiben. Am Ende schrieb ich nur 40 Seiten ohne große Begeisterung und verbrachte die meiste Zeit in irgendwelchen Spelunken, um mit anderen Literaten über das Schreiben zu reden. Schreiben bleibt aber eine einsame Angelegenheit. Das Ich, das über die Welt berichtet, sitzt meistens irgendwo alleine in Gedanken versunken und erlebt seine Erinnerung. So kommt es, dass ich hier, obwohl ich eigentlich keine Zeit dafür habe, sehr viel mehr schreibe als an Orten, an denen ich Zeit hatte zu schreiben. Ich skizziere meine Texte in der Nacht, während die Semmeln im Ofen sind und habe dabei bemerkt, dass geistige Kreativität durch Schaffen entsteht, nicht durch Nichtstun. Also, wenn ich backe, fallen mir gleichzeitig tausend Gesichten ein, die ich notdürftig auf irgendwelchen Klebezetteln notiere und am Ende der Nacht zusammensammle. Mein Arbeitskollege hat sich an diesen Spleen gewöhnt und meinte letztens sogar: „Michael, du hast noch zwei Zettel am Garraum vergessen.“

Last Modified on 22. August 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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