Kapitel V

– darin behandelt wird, warum der Spüler Massimo E. aus Reggio Calabria kein „polpo“ sein kann und desweiteren darüber sinniert wird und ob des eifrigen Nachdenkens schließlich der Gedanke reift, dass in unserer Welt absurderweise die Hand gegen den Finger kämpft, und dass, weil der Finger gerade die Oberhand behält, Massimo dennoch nicht mehr wachsen kann, obwohl Wachstum erwünscht, sondern Massimo aus Altersgründen sogar einige Zentimeter schrumpft –

Wenn ich nachts in die Küche komme, um mit den Backen zu beginnen, dann sind meistens nur noch die Spüler am Werk, die versuchen der Berge von Geschirr Herr zu werden, die 1400 Urlauber bei einem Abendessen hinterlassen. Von den normalerweise vier Spülern wird mir noch lange einer in Erinnerung bleiben. Sein Name ist Massimo und er kommt aus einem Dorf in der Nähe von Reggio Calabria. Es ist ein tief zerfurchtes Gesicht, in das man blickt, das Gesicht eines Landmenschen, den man sich besser auf dem Feld vorstellen könnte als an dieser tosenden Spülmaschine, die er manchmal streichelt, dann wieder schlägt. Ein Mensch, dem die Sprache schon lange abhanden gekommen ist. Ich sehe ihn in einem der Plastikstühle im Innenhof der Mensa versunken, dort in diesem Hinterhof, der von den Urlaubsgästen durch das Schild „Solo il personale“ getrennt ist und dessen einzige Schönheit, zwischen Müllsäcken und Karren voller gebrauchter Wäsche, zwischen Altglas und Kartonagen, darin besteht, dass man einen Blick auf den Sternenhimmel erhaschen kann. Ich sehe ihn, wie er sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn wischt, es dann wieder über die Schulter wirft und kurz darauf Daumen gegen Zeigefinger drückt, mit seiner Hand auf und abwedelt, nach Worten ringt und schließlich doch nur abwinkt, bevor er sich erhebt und zu seiner Spülmaschine zurückkehrt. Am unteren Ende der Hierarchie zählt nur friss oder stirb. Worte zu finden, ändert nichts und dennoch ist da der Versuch in Sprache zu fassen. „No polpo!“, sagte er einmal, als sein Blick auf die Tellerberge fiel. Es war schon halb zwei nachts und kein Ende in Sicht. „Ich habe nur zwei Hände“ sollte dieses „No polpo!“ bedeuten und jeder, der schon einmal mit den Händen gearbeitet hat, weiß was das bedeutet. Ein Bäcker, ein Fleischer, ein Schneider, ein Schuster – jeder weiß um die Begrenztheit dieser manuellen Arbeitskraft. Hände sind keine Maschine und sie wachsen auch trotz Wachstumserwartung nicht mit. Niemand wird zum Kraken, nur weil Wachstum benötigt wird. Massimo ist über 70 und er schrumpft eher, als dass er wächst. Das ist die Natur der Dinge.  Zwei Hände schaffen, was zwei Hände schaffen. Nun Leben wir in einer Welt, in der die Dinge komplizierter sind, denn jeder Familienbetrieb, jede Gastätte würde sagen: Es geht nicht schneller, Massimo kann nicht schneller arbeiten oder jeder Kleinbäcker würde sagen, mehr  gibt es nicht, wir sind an der Grenze angelangt. Unsere Bäcker schaffen nicht mehr. Um den Menschen über diese Grenze zu treiben, muss man ihm seine Persönlichkeit nehmen, das heißt, den Menschen zur Zahl machen, den Menschen in Statistiken einbauen. Die sicheren europäischen Urlaubsressorts sind wegen der weltweiten Krisen allesamt überbucht, 130% Auslastung durch Zustellbetten sind keine Seltenheit. Massimo kennt diese Zahlen nicht, sie interessieren ihn auch nicht, er sieht nur, dass die Teller und Tassen, die Gläser und das Geschirr immer mehr werden, und er weiß, dass er kein polpo mit acht Armen ist. Er kennt nicht die Wachstumsvorgabe von 10%, die in irgendeinem Land, in irgendeinem Büro in den Computer eingegeben wird. Zahlen, so friedlich sind sie, diese Statistiken, und so gut klingen diese 10% pro Jahr in den Ohren der Aktionäre, aber am Ende stehen immer zwei Hände, die diese 10% spüren und mit ihnen zu ringen haben. Die Konditorin, die vor ein paar Tagen weinend auf den Mehlsäcken saß, war 55 Jahre alt. Sie war ein Vorbild an Eifer und Arbeitswillen. Die Nerven sagen die Älteren, Burn-Out die jüngeren Kollegen. Goldenes Verwundetenabzeichen im Dienste des Kapitalismus, sage ich, der Orden verachtet. Das alles passiert mit einer Selbstverständlichkeit, die mich schaudern lässt. Der Zimmerservice, der Bäcker, der Fleischer, der Koch, alle haben sie zwei Hände und nur im Digitalen, in dieser abstrakten Welt der Finger und Zahlen, können Hände unbegrenzt wachsen. Das Digitale ist jedoch nichts ohne das Manuelle, die Finger können ohne die Hand nicht leben. Das ist vielleicht nicht mehr als eine Binsenweisheit und dennoch denke ich genau daran, wenn ich in das Gesicht von Massimo blicke. Ich denke daran, dass genau da das Unrecht beginnt, dort wo Menschen sich den Mehrwert, den andere irgendwo auf der Welt erwirtschaften, durch Rendite aneignen.

Last Modified on 22. August 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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