Kapitel IX

– Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance (Albert Camus) –

Die Tage skypte ich mit einem französischen Bäcker. Er hatte ne kleine Bäckerei irgendwo in den Cevennen und suchte Verstärkung.
»Ja recht dünn besiedelt hier. 15 Menschen pro km². Mit die wenigsten Menschen in der EU.«
Ich hatte gerade tagtäglich mit 1400 Urlaubern pro km² zu kämpfen, die sich teilweise benahmen, als kämen sie direkt vom Flüchtlingsboot. Da klingen solche Zahlen elysisch.
»Ja, und der Le Tarn ist ja gleich in der Nähe, der ist super!«
»Der was!«, rief ich ins Headset.
»Der Tarn, das ist der Fluss hier, sehr wild und romantisch.«
Ich wusste was der Tarn war, dieser verdammte Fluss hatte mich zwei Jahre meines Lebens gekostet. Einmal regulär, einmal als Ehrenrunde, waren mir die fantastischen Abenteuer von Jean-Luc und seinen Freunden am Tarn noch in traumatischer Erinnerung. Wenn sie nicht mit ihrem Gabi-Glockner-Spaniel dort herumturnten, dann waren sie auf so interessanten Veranstaltungen wie Möbelmessen, deshalb ist mir dieser Name »fleur du meubles« nach 30 Jahren immer noch ein Begriff, obwohl mein Französisch ansonsten über die Bestellung von Croissants und Zigaretten oder die Frage nach dem Weg zur nächsten Kneipe nicht hinauskommt. Ich versuchte damals, zu den gerade entdeckten Klängen von »wasted youth« oder »Anarchy in the UK« mir dieses Szenario bei einer Möbelmesse einzuprägen, aber scheiterte grandios und lernte dann erstmal das Backen, was im Nachhinein vielleicht sogar die bessere Entscheidung war.
Not my idea of fun, aber ich war auch nie ein Freund von IKEA-Nachmittagen mit Würstchen danach und das schien der Vorgänger gewesen zu sein.
Ohh seltsames Schicksal! Ausgerechnet der Tarn. Vielleicht wollte der Tarn sich für die Qual des Französischunterrichts revanchieren und mir nun zwei nette Jahre schenken? Wer weiß das schon, wenn er nicht dort war. Also, dann mal auf in die Cevennen, dachte ich mir.
Was mich darüber nachdenken lässt, was einem eigentlich in Erinnerung bleibt von diesen unlebendigen Sprachkursen. Aus dem Englisch-Unterricht kenne ich auch noch so Begriffe wie »semi-detached-house«, die in meiner inaktiven Wortschatzkartei ein trostloses Dasein fristen. Von meinen Kiswahili-Kursen an der Universität Leipzig sind mir ebenfalls so absurde Wendungen in Erinnerung. Wir lernten damals 2002 mit den VEB-Lehrbüchern von 1978 und auch wenn mein Kiswahili heute ein wenig eingerostet ist, so kann ich doch noch diesen Satz bilden: »Die Bauern und Arbeiter sitzen zusammen mit den Kämpfern der FRELIMO (Frente de Libertação de Moçambique oder Mosambikanische Befreiungsfront) auf der Tribüne und schauen sich ein Fußballspiel an.«
Damit konnte man schon im Jahre 2004 in Tansania für erheiterndes Gelächter sorgen. Ich lernte meine Sprachen immer »off the beaten track« könnte man sagen. Da ist ’ne Notwendigkeit, also lernst du auch das Notwendige. Hier in Italien bilde ich auch manchmal Sätze, die aus drei Sprachen zusammengesetzt sind. Zum Beispiel: Hoy nu facut molto pane, domani noi faremo mai mult!«
Im schlimmsten Fall Rätselraten, was der Bäcker da wieder erzählt und dann versucht man sich eben anzunähern. Das ist zwar nicht perfekt, aber spannend und für Ausrufe wie: »Schneller, schneller!« oder »Schlamperei!« brauch ich nicht mal die Übersetzung, das sind schon fast Lehnwörter aus dem Deutschen. Das versteht hier jeder. Was man in der Welt braucht, ist Neugier und ein offenes Herz, alles andere ergibt sich von alleine.

Last Modified on 31. August 2017
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