Kapitel IV

– in dem von einer seltsamen Allianz zwischen zwei Metalern aus Bottrop, Morgana und Astranu aus Essex, Inhaber eines sexualmagischen Start-ups auf Sizilien in spe und Franziska, einer manisch-depressiven Kinderschwimmmeisterin, berichtet wird; desweiteren wie dieses Bündnis, welches sich in Opposition zur musikalischen Grundstimmung im Club bildet, versucht die Schaumparty bei einem Feste namens Ferrogosta mit melancholischer Musik zu okkupieren und damit erst für Entsetzen sorgt, dann aber ein echtes Duchenne-Lächeln in die von sechzehn falschen Lächeln gelangweilten Gesichter zaubert. –

 

Ferragosta, dieser Tag Mitten in den Iden des Augusts, war gekommen. Ursprünglich römischer Feiertag zu Ehren des Kaisers Augustus wegen seiner Siege über Marcus Antonius und Kleopatra bei Actium und Alexandria, sollte beinahe 2000 Jahre später zum Tag des musikalischen regime change im Club werden. Ich kam von der Nachtschicht und durchkreuzte einen weiteren Strich an meiner Wand in meinem 5 qm Refugium.  46 durchkreuzte Striche und 74 blieben noch. Die Zeit ging gerade entsetzlich langsam voran, als wären auch bei ihr – wie bei der Post, die zur Ferienzeit drei Wochen für ein Paket brauchte – die Facharbeiter im Sommerurlaub und irgendwelche Azubis und Aushilfen übernahmen nun mehr schlecht als recht das Voranschreiten. Niemand konnte genau sagen, warum man im Jahre 2017 sich anlässlich dieses Festes in Neonfarben kleidete, aber es machte die Sache nicht einfacher, denn sowohl Gitti und Reinhard als auch Morgana and Astranu hatten nur schwarze Klamotten dabei. Da traf es sich gut, dass wir von unerwarteter Seite Verstärkung erhielten. Ich hatte gestern um Mitternacht als mich mein Weg zur Backstube am Water-Park vorbeiführte mitangesehen, wie Franziska, ihres Zeichens Schwimmmeisterin im Planschbecken, gerade davor stand, sich in ebendieses zu stürzen, weil sie die Hymne für den Kids-Club nicht mehr ertrug, ja, dass dieser immerlustige Song, der davon handelte, dass Roby und Sharky, die beiden Maskottchen, gerne Mambo tanzten und ihre Sonnenbrille in den Urlaub mitnahmen, sogar für schwerste depressive Verstimmung sorgte, weil er bis in ihre Träume vorgedrungen war und sie kaum noch schlafen konnte, ohne auf die Beiden zu treffen. „Verstehste, jede Nacht geht das so. Ja der Roby tanzt den Mambo gerne und der Sharky ist nicht ferne und alle tanzen mit … Das halt ich nicht mehr aus.“ Ich nickte und zog sie behutsam vom Rand des Kinderplanschbeckens weg, bei solchen Aktionen konnte man sich unschöne Verletzungen holen. Ich konnte es mir vorstellen, hatte selbst immer Fluchtreflexe, wenn diese Hymne ertönte und erholte mich bei meiner nächtlichen Arbeit mit den Songs von The Sisters of Mercy und Joy Division, wenn ich aus Unachtsamkeit zu sehr kontaminiert wurde oder aus Versehen in der Nähe des Kids-Clubs aus Erschöpfung eingeschlafen war. Franziska jedoch, hatte keine Möglichkeit, sie war dieser Hymne täglich bis zu 40 Mal ausgesetzt. Der schiere Wahnsinn! Ich weihte sie in unsere Pläne ein und sie versprach, uns zu unterstützen. Allerdings verhielt es sich bei ihr so, dass sie nur in ihren depressiven Phasen die Verzweiflung aufbrachte, um gegen das System zu rebellieren und morgen sei ihr freier Tag, da obsiege die Dankbarkeit, dass sie durch die Gnade der Ausbeutung nicht auf der Straße leben müsse, weil ja jeder seines Glückes Schmied sei heutzutage. Ich versprach ihr, dass ich das Problem lösen würde, dafür am nächsten Morgen den Kids-Club aufsuchen und die Hymne aufnehmen würde, so wäre sie mit Kopfhörern gut vor Stimmungsumschwüngen geschützt, quasi konstant-depressiv. Ihre Aufgabe wäre es einzig das Schaumkonzentrat für die Kanone mit schwarzer Lebensmittelfarbe – ich hatte mir einige Flaschen aus der Patisserie organisiert – anzureichern.

Der Abend nahte und die Vorbereitungen waren abgeschlossen, weil Reinhard und Gitti nicht mit den musikalischen Vorlieben von Morgana und Astranu d’ac­cord gingen und auch die Tantristen der Linken Hand sich weigerten, Blind Guardian als Musik zu bezeichnen, übernahm ich den Beginn. So ist es immer, dachte ich mir. Eigentlich kämpft man gegen den gleichen Feind und dann verzettelt man sich in Nichtigkeiten und subkulturellen Borniertheiten – der Grund, warum die Landvermesser dieser Welt nie ins Schloß gelangten. Das Publkum hatte schon gut getankt und so fiel es nicht weiter auf, dass sich vier schwarze Gestalten unter die neonfarbige Menge gemischt hatten. Ein Blick in Franziskas Gesicht vergewisserte mich, dass sie schon seit Stunden die Hymne intus hatte. Verzweiflung und Hass standen in ihrem Gesicht. Wir mussten loslegen, lange ging das nicht mehr gut. Reinhard sollte mit seinem Bauch den Zugang zum DJ-Pult verstellen, Gitti ihn dabei unterstützen und für den Nachschub an Veltins sorgen. Morgana und Astranu wollten die Gunst der Stunde nutzen, um an ihrer sexualmagischen Performance zu arbeiten und Kundenakquise für ihr Start-up betreiben. Als der Schaum mehr gräulich denn schwarz aus der Kanone geschossen kam, eröffnete ich die Party mit einer kleinen Gedichtvariation: Falsches Lächeln der Frühe, wir trinken dich mittags, wir trinken dich nachts, … um den Abend mit Gloomy Sunday von Diamanda Galas zu eröffnen. Ich wusste nicht, wie lange das Bollwerk von Reinhards Bauch halten würde. Vermutlich nicht länger als zwei, drei Songs bis das DJ-Pult sturmreif war und so folgte Sadness is rebellion und danach Disintegration. Waren die Gesichter noch von unglaublichem Erstaunen gezeichnet, als Diamanda Galas durch die anbrechende Nacht schrie, so änderte sich die Stimmung und schon bei Disintegration war eine Erleichterung in den Gesichtern zu sehen, die da sagte: Juhu, kein „Looking for freedom“. Keine gezwungene Fröhlichkeit, da können wir uns ja mal entspannen. Morganas eindringliche Werbung für Tantra der Linken Hand sorgte zwar für kleinere Familienzwistigkeiten, aber ansonsten blieb der Abend störungsfrei und nur einige, denen das Service-Lächeln schon zur zweiten Natur geworden war, klagten am nächsten Tage wegen dieses übermäßigen Duchenne-Lächelns an diesem Feste  über Muskelkater im Musculus zygomaticus major.

 

Last Modified on 22. August 2017
This entry was posted in 2017, Italien
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