Kafka hilft da nicht weiter

Ich träumte, dass ich verschlief und die Gäste ob des fehlenden Frühstücks den Club abfackelten und brandschatzend im Blutrausch nach dem Bäcker suchten, der durch seinen ruhigen Schlaf diesen Furor ausgelöst hatte. Es war schön anzusehen, was Solidarität alles bewirken kann, vereint waren Lombarden mit hochgestelltem Polokragen, Niederschwaben mit Socken unter den Sandalenriemen und solidarisch waren Engländer, den Brexit kurzzeitig vergessend. Sie forderten gemeinsam im Flammenschein Regress, nicht nur für das Fehlen der Semmeln im Urlaub, sondern für ihr ganzes Leben, das seine Versprechungen nicht einhielt und wenn man dem Leben auch nicht habhaft würde, so musste wenigstens der Bäcker dafür gerade stehen. Ich erwachte ob dieser abstrusen Forderung und musste feststellen, dass ich wirklich verschlafen hatte. Ich dachte im Halbschlaf kurz an diese schöne Textstelle in Beschreibung eines Kampfes:
»Ich schlief und fuhr mit meinem ganzen Wesen in den ersten Traum hinein. Ich warf mich in ihn so in Angst und Schmerz herein, daß er es nicht ertrug, mich aber auch nicht wecken durfte, weil die Welt um mich zuende war(…)«
Und die Angst des Traumes floss in die Wirklichkeit über, wie Ströme die lange unterirdisch fließen und plötzlich ans Licht brechen, denn es war halb vier und in weniger als vier Stunden würden über tausend Urlauber das Buffet plündern, und es war nicht auszuschließen, dass dieser Traum eine Vision war.  Es war die Nacht vor San Lorenzo, Sternschnuppen-Regen am Perseus stand bevor, da war alles möglich. Hungrige Pauschaltouristen können sehr unangenehm werden und drei Stunden ist nicht viel Zeit, um acht verschiedene Semmeln in die Körbe zu bekommen.
Ich schlüpfte in die Bäckerhose und rannte durch den Palmenhain Richtung Backstube.
Der griechische Gärtner, ein netter Kerl aus Samos, pisste gerade gegen eine kanarische Dattelpalme und rief mir hinterher: »Lebe lieber im Verborgenen!«
Der hatte gut reden in seinem Kepos. Ich war zwar Chef-Bäcker, was ein schöner Titel ist, um Eitelkeiten zu stillen oder um in der Küchenhierarchie nicht unter die Räder zu kommen, aber wenn dann außer dem Chef-Bäcker keiner mehr ist in der Backstube, dann ist man doch manchmal lieber Gärtner und pisst an Dattelpalmen nachts um halb vier.
Auf meiner ersten Karre hatte ich neben den Aufklebern des Vorbesitzers – der grün war als grün noch grün war und nicht schwarz – wie »Weissagungen der Cree!« oder »Macht die Bäume wieder grün! Ich fahr nicht mehr als Tempo 60! Der Umwelt zu Liebe!« einen Spruch von Ché Guevara: »Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!« Das war ’ne Ecke her und ich habe mittlerweile die Befürchtung, dass der Hass auch Solidarität schafft und ich dachte über den seltsamen Traum nach und Kafka, aber beide konnten mir keinen Rat geben, was jetzt zu tun sei und so warf ich nach alter Bäckersitte einen Stein Hefe mehr in den Teig und rief den Gärtner zu Hilfe.