Hätte schlimmer kommen können … oder M Ö T LEY CRÜE

»Azzurro, mach mal nochmal Anti-Pasta! Lecker das Grünzeug!«, schallte es rüber bis zur Goldbrasse. Der Fisch musste sich das nicht mehr anhören, ich aber zuckte zusammen und verzog das Gesicht. Antipasta, der Mann bei dem das Deckhaar im Nacken anfing und der hier mit Jeansjacke mit Saxon-Aufnäher herumlief, hatte wirklich Antipasta gesagt, auch wenn seine Begleiterin ihre Hand vor den Kopf geschlagen hatte, hatte er es auf Nachfrage des Kellners nochmal wiederholt und zwar ohne sich einer Peinlichkeit bewusst zu sein. Kaum zu glauben, aber cool. Der Koch glaubte, ob meines Gesichtsausdrucks, dass etwas mit der Dorade nicht in Ordnung sei. Ich zeigte auf den Antipasti-Stand und machte das internationale Zeichen für blödes Gelaber, also dieses schnappende Krokodil mit den Fingern in Kombination mit verdrehten Augen. Er verstand und lachte.
Ich nahm den Teller mit Dorade und ging rüber zum Antipasti-Stand.
Diese Woche war voller schräger Vögel hier im Club. Gestern Morgana und Astranu, die beiden, die auf Sizilien diesen Tantra-Orden der linken Hand nach crowleyianischer Art eröffnen wollten und heute, was war das heute?
»Na, auf dem Metal-Festival falsch abgebogen?«, versuchte ich mit den beiden ins Gespräch zu kommen.
»Metal-Festival, Full Metal Cruise V wären wir gerne, aber scheiße, verbockt und verbucht die Kacke!«
Die beiden kamen aus Bottrop und hatten eigentlich eine Heavy-Metal-Kreuzfahrt nach Gibraltar gebucht, dann aber das Schiff wegen einer Abschiedsparty verpasst und umgebucht.
»Naja, wusste ja keiner, dass das hier ein Familienclub ist«, meinte Gitti.
»Ja, nee, das wusste keiner und dann schenken die hier Veltins, die Schalker Plärre, aus und nach dem zehnten Bierchen schaut dich der Barmann schon an, als wennste ein Alkproblem hättest. Das sind ja hier gerade mal zwei Liter! Man, man man! Zwei Dosen Faxe und der glotzt schon blöd. Ja, nun sitz ma hier fest für zwei Wochen! Auf die Fresse könnt ich jemanden hau’n!«
Er ballte seine Faust und da sah ich, dass er sich MÖTHLEY CRÜE auf die mittleren Fingerglieder hat tätowieren lassen. Allerdings schien dem Tätowierer erst nach dem »L« aufgefallen zu sein, dass MÖTHLEY mehr als fünf Buchstaben besitzt und so drückten sich auf dem Daumen drei Buchstaben dicht aneinander, während rechter Hand »CRÜE« ungleichmässig von Zeigefinger bis zum kleinen Finger getackert war. Hamonisch sah jedenfalls anders aus. Reinhard sah meine Blicke und meinte:
»Na hätte schlimmer kommen können, oder? Denk mal, wenn die jetzt CRÜE MÖTHLEY heißen würden, dann hätte ich auf dem rechten kleinen Finger drei Buchstaben, das wäre erst scheiße, aber so, da passt das schon.«
Da musste man ihm recht geben, drei Buchstaben auf dem kleinen Finger, das wäre wirklich ’ne richtig unangenehme Sache geworden, und während ich Reinhards Arsenal an Ringen aus dem EMP-Katalog betrachtete, meinte er:
»Da schau an, noch mehr Metal-Folk. Auch verbucht?«, rief er durch den Saal.
Ich drehte mich um und sah Morgana und Astranu, das sexualmagische Pärchen von gestern.
Wenig später saßen wir zusammen am Tisch, und ich versuchte Reinhard und Gitti zu erklären, dass das keine Metaler waren, sondern Tantristen der linken Hand.
»Da schau an«, meinte Reinhard und drehte seine Ringe an der Hand in Position, »Sexualmagisch, klingt spannend!«
»Seit wann interessierst du dich denn für Sexualmagie? Davon spüre ich aber nix seit geraumer Zeit!«, warf Gitti ein.
Unangenehmes Schweigen.
»Das ist die Sauferei!«, meinte Gitti im verschwörerischen Tonfall zu mir.
Ich zuckte mit den Schultern. Was will man dazu sagen.
»What did he say?«, fragte Morgana.
»Ah, only some problems with sexual energy. Is, cause of the bad music in the club here!«
»I think, we can help him!«
»Was will die Fee?«, fragte Gitti.
»Ach nix weiter, sie haben da ein Heilmittel gegen negative sexuelle Energie.«
»Ja, Heilmittel. Die kenn ich schon. Ich sag nur Kegelfreunde Hau Wech Bottrop, die Weihnachtsfeier 2007. Weißt noch, die Kleine, die dir schöne Augen gemacht hat aus unerfindlichen Gründen und jaa nuuuur das Kegeln von dir lernen wollte.«
»Das ist doch schon wieder Jahre her Gitti. Nicht immer die alten Sachen aufwärmen, nach dem dritten Mal schmeckt’s nämlich nimmer!«
Die Dorade schmeckte allerdings gut und auch die Situation beruhigte sich wieder. Man fasste den Plan, morgen bei der nächsten Schaumparty einen Angriff auf’s DJ-Pult zu unternehmen und als Minimalziel die David Hasselhoff-Scheibe »Looking for freedom« zu vernichten. Aufregende Tage standen bevor.