Ein König im Käfig

Wenn man am Stadtrand von Killorglin auf der alten Steinbrücke, unter der sich der River Leune hindurchschlängelt, steht und seinen Blick an den grünen Ufern entlang flussaufwärts wandern lässt, so verfängt er sich irgendwann hinter den Weidelandschaften, die von der Abendsonne in ein sanftes Licht getaucht werden, in den schroffen und karstigen Hängen des Carrauntoohil und steigt dann über seinem wolkenumhüllten Gipfel in den Himmel von Kerry empor.
Irgendwo in diesen Höhen muss King Puck sich herumgetrieben haben, als er noch ein ungekrönter Ziegenbock war, noch nicht eingefangen und auserwählt, für drei Tage im August, die Regentschaft während der Puck-Fair über die Stadt zu übernehmen.
Einige meinen, dieser regionale Brauch, einen Ziegenbock zu krönen und seinen Thron auf einem gewaltigen  Gerüst in der Mitte der Stadt zu errichten, wurzele in der cromwellianischen Schreckensherrschaft, als ein von heranrückenden englischen Truppen aufgescheuchter Bock die Bewohner warnte und ihnen damit die Flucht in die Berge ermöglichte, andere sehen in diesem Fest das keltische Lughnasa und die Krönung als spezielle Verehrung für Púca, einem mächtigen Wesen aus der Anderswelt, welches in unterschiedlichen Tiergestalten erscheinen konnte und nächtliche Wanderer auf eine wilde Reise durch ganz Irland mitnahm.
Wie auch die Anfänge sein mögen, ich glaube, dass King Puck 2013 ganz schön irritiert war, als man ihm in seinem Käfig im Triumphzug durch Straßen zu seinem Thron zog.

Er, der an den Hängen der einsamen Berge zu Hause ist, musste verblüfft sein über die große Menge, die seinen Wagen mit hochgereckten Handys umgab, erstaunt über die vielen Stände der Travellers, mit allem möglichen chinesischen Plastikschrott, billigem Schmuck und vom Laster gefallenen Motorsägen und Schlagbohrmaschinen. Auch denke ich, dass ihm dieser Frittiergeruch von den zahlreichen Fastfood-Ständen unangenehm in seine – an freiere Luft gewöhnte – Nase gestiegen sein muss.
Ich, plötzlich von einer rätselhaften Trinkunlust befallen, beschließe spontan, mir von einer der zahlreichen anwesenden Wahrsagerinnen aus der Hand lesen zu lassen. Der Schriftzug auf ihrem Wohnmobil weist darauf hin, dass sie die siebte Tochter der siebten Tochter sei und rumänische Vorfahren habe.
Was immer das auch bedeuten mag, es klingt nicht schlecht für eine Wahrsagerin, auch wenn ich zugeben muss, dass ich in diesem Metier keine großen Erfahrungen habe.
»Du wirst im hohen Alter jung und arm sterben«, orakelt sie, nachdem sie einige Minuten intensiv die Linien in meiner Hand studiert hat. Ich nicke und gebe ihr dafür fünf Euro, denn das erscheint mir die perfekte poetische Beschreibung einer finanziell erfolglosen Schriftstellerkarriere zu sein.
Ich begebe mich zurück zu King Puck, der hoch oben in seinem Käfig thront und in stoischer Ruhe auf das anschwellende Treiben auf den Straßen blickt, auch noch nobel schweigt, als die Nacht hereinbricht, der Erste dem Alkohol Tribut zollen muss und im Krankenwagen abtransportiert wird. Man erzählt mir, es sei der erste Bock, der nicht gejagt werden musste, sondern von sich aus die Berge herunterkam. Warum weiß keiner, vermutlich nicht mal er.
Wenn nach drei Tagen seine Regentschaft endet und er wieder zurückkehrt in die Mountains, in sein eigenes Königreich, wird er in jedem Fall seinen Kollegen viel zu berichten haben. Vielleicht wird er ihnen sagen, dass es besser ist, in den ersten Augustwochen die Niederungen um Killorglin zu meiden und im Gebirge zu verschwinden, denn sonst könnte es sein, dass sie dich zu ihrem König machen, einem König in einem Käfig über ihren trunkenen Köpfen, mit einer Krone aus Pappmaché.

Veröffentlicht am 11. August 2013

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