Die Einfachheit der Dinge

«Hey Bäcker, hast du noch ’nen Kanten Brot!«
Ich bin über die Knetmaschine gebeugt, aber es ist Torinios Stimme, wer sonst kommt nachts um 1.30 Uhr hier in der Backstube vorbei.
Torinio ist Barchef in der Saison, aber eigentlich ist er ein Mensch aus der Nähe von Catanzaro, fast gegenüber von Salento irgendwo in Kalabrien.
Die Eltern Bauern und der Ofen, das ist immer die Mama, sagt er manchmal, wenn er einige Minuten hier bei mir in der Backstube verweilt.
»Ich war das Wochenende dort und hab dir was mitgebracht!«
Das rührt mich, kennen wir uns doch keine vier Wochen, und er zieht eine Serviette aus der Tasche und faltet sie auf.
»Nduja«, meinte er. »Scharf! Direkt aus Kalabrien. Vom Kopf des Schweins, wie man sie immer schon gemacht hat!«
Ich bin noch halb verschlafen und denke, hoffentlich trägt er die Serviette nicht schon seit Kalabrien mit sich und meine Gedanken beim Probieren kehren unwillkürlich an das Gespräch von Tisch 17 während des Abendessens zurück. Eine Familie aus gutem Hause, die Kinder wollen von der Bolognesesauce, die Eltern auf dem Standpunkt, kein Hack im Süden, weil das wahrscheinlich mal irgendwann wohl von der ARD im Vorabendprogramm als gefährlich eingestuft wurde. Oskar und Anne-Kathrin löffeln also Napoli und blicken neidisch zum Nachbartisch. Ich bin da außen vor, in Tansania meinten sie, dass  selbstgebrautes Bananenbier zu Typhus führt, ich hab es trotzdem versucht und auch die rumänische Kuttelsuppe aus Höfflichkeit gegessen, da kommt es auf die Nudja auch nicht mehr an. Es wäre mir unmöglich, so eine Geste der Freundschaft zurückzuweisen. Ich vertraue einfach auf meinen Magen und sage mir immer: Die anderen leben ja auch.
»Lass den Teig liegen. Der läuft nicht weg und komm auf ’nen Schluck raus. Nimm noch Brot mit für die anderen.«
Ich folge also Torinio nach draußen, was bedeutet in den Hinterhof. Zwischen einigen Kartonstapeln, Müllsäcken und Containern stehen einige Plastikstühle. Spüler und Kellner sitzen hier nach getaner Arbeit in der Runde auf einen Schluck Wein zusammen. Sie kommen aus allen Ecken Süditaliens zum Arbeiten. Müde Gesichter, die Schichten gehen hier zwölf Stunden, sechs Tage die Woche. Keiner klagt. Für die meisten ist es der einzige Job im Jahr. Es hat noch 30° C, und es hat fast etwas Religiöses wie sie vom Brot abbrechen und in den Wein tunken und das Brot dann weiterreichen. Jesus, mag vielleicht schon so gehandelt haben, kommt mir in den Sinn.
Brot und Wein, uralte vertraute Bräuche, die im Schatten überfüllter Kühlhäuser gepflegt werden. Alles Luxus hier, Fleisch, Obst, Fisch, Gemüse, in allen erdenklichen Variationen. Jeder kann sich nehmen, was er mag, Food ist for free, aber man bleibt dann doch bei dem, was einem schon immer vertraut ist, ebenso wie mir auch Gedecke mit mehr als zwei Gängen unheimlich sind, und ich deshalb lieber in der Mensa der Arbeiter esse als am Gäste-Buffet.
Vor Monaten fragte mich jemand, ob dieses ständige Reisen nicht anstrengend sei und, ob man nicht auch im Gedanken reisen könne? Ja, in der Tat ist das Neue immer anstrengender als das Bewährte. Sprache und Klima sind eine Herausforderung. Vielleicht nicht für den Touristen, jedoch für den Arbeiter sehr wohl.
Aber die Erfahrung der Welt, die Momente der Schönheit, die man sich nicht ausdenken kann, aus dem einfachen Grund, weil sie sich nicht auf das Geistige beschränken, sondern weil man ja ebenso mit dem Herzen reist, den ganzen Menschen verändern, sind es allemal wert, die Anstrengungen der Fremde immer wieder auf sich zu nehmen und was man nicht vergessen darf: Das Reisen enttäuscht die Angst.