Der Wert der Dinge

Nachdem ich vier Monate gesehen habe, wie unmotivierte Mitarbeiter unzählige TK-Croissants in der Tourismusindustrie aufgebacken und wieder weggeschmissen haben, nur damit das Buffet voll ist, wie dieser Vorgang Mensch und Lebensmittel entwertet und zur schlichten Kalkulationszahl verkommen lässt, sah ich heute Morgen in diesem kleinen Cevennen-Dorf mit seinen 80 Einwohnern eine alte Frau freudestrahlend in die Bäckerei kommen und sie meinte, dass sie so froh ist, dass es wieder einen Bäcker hier gibt, denn die nächste Stadt ist 40 Kilometer entfernt. Als sie wieder gegangen war, meinte Sébastien, der sich entschlossen hat hier allen Widrigkeiten zum Trotz eine Bäckerei aufzubauen: »Es ist der Wahnsinn, du bekommst im ganzen Lozère keine bezahlbare Butter mehr. Eigentlich weiß ich, dass ich nichts verdiene, aber die Menschen hier haben kein Geld, die meisten arbeitslos oder Rentner, soll ich sagen, sie haben kein Anrecht auf ein bezahlbares Butter-Croissant am Morgen mehr, weil die Welt krank ist oder soll ich sagen, ich mache ein Croissant was nicht so gut ist wie ich es machen könnte? Kann ich nicht machen. Also mache ich es so weiter.«
Ich ging vor die Bäckerei und rauchte eine Zigarette. Die Sonne stieg gerade über die waldreichen Hügel der Cevennen und tauchte den Herbstwald in ein leuchtendes Farbenmeer. In diesem Moment der Stille wurde mir nicht nur aufs Neue die Schönheit der Welt bewusst, sondern ich spürte auch, dass wir uns zwischen diesen beiden Polen bewegen und dass wir in jeglicher Entscheidung Bewusstsein schaffen müssen, ob wir zu denen gehören, die den Dingen Wert verleihen oder denen, die ihnen den Wert nehmen.