Alles beginnt mit Banalitäten

Nach vier Monaten geht nun mein Italien-Aufenthalt am Montag zu Ende. Es war mir mein persönlicher Weg nach Wigan Pier und es lohnt nicht nur 1984, sondern auch dieses Werk von Orwell zu lesen, gerade der zweite Teil ist von ungebrochener Aktualität.
Wären es nicht nur drei Tage, die ich hier hätte, wäre jetzt der Zeitpunkt für eine Kündigung, denn ich bin gerade bei Stunde 90 Nachtarbeit ohne Pause angelangt. Das ist ein kalkulierter Extremfall, weil man meinen Assistenten gekündigt hat. Prozessoptimierung man könnte auch sagen maximalen Profit. Das hat man ungefähr mit der Hälfte der Belegschaft gemacht, so dass hier jeder vom Spüler bis zum Küchenchef auf 70 Stunden und mehr im Schnitt kommt. Vermutlich geht das sogar noch weiter, über den Club-Chef hinaus bis in die Konzernzentrale und irgendwo wo ganz oben ist da jemand oder auch niemand, vielleicht nur eine Stimme, gottgleich, die da ruft: Du musst wachsen!
Das was ich hier erlebt habe, spricht nicht nur gegen jegliches europäisches Arbeitsrecht, sondern ist auch unzumutbar. »Der Überbau ist eine Lüge und das Fundament eine riesige zitternde Angst«, schreibt Henry Miller in einem seiner intensivsten Gedichte und auch dieses Gedicht von 1932 ist zeitlos geblieben.
Von jemand der über 70 Stunden die Woche arbeitet, kann man nichts mehr erwarten. Weder, dass er Solidarität empfindet noch, dass er sich sozial oder gesellschaftlich engagiert.
Wenn das was ich hier erlebt habe also keine Einzelschicksal ist und sicherlich nicht nur auf den Tourismus beschränkt ist, sondern das Erlebnis von vielen in vielen Ländern ist, die nicht die Sprache finden, darüber Zeugnis abzulegen, wenn also der Großteil unter einem System leidet, dann muss man die Systemfrage stellen, denn aus dieser Ausbeutung entstehen Neid und Verzweiflung, die Nährboden von Nationalismus geben und damit die Zerstörung einer europäischen Idee der Solidarität bedeuten.
Es ist dies eine der schönsten Ideen, die Europa hervorgebracht hat und ich bin nicht bereit sie zu opfern.
Diese Woche schrieb Virginie Despentes im Spiegel-Interview: »Wir müssen wirklich starke Alternativen anbieten, die auch auf einen 20-Jährigen Eindruck machen. Das fehlt heute. Denn der liberale Kapitalismus wird bald sein Ende finden, es kann nicht noch 30 Jahre so weitergehen. Deshalb sollten wir weniger Schuldgefühle haben, wenn wir Utopien entwickeln. In Frankreich schämen sich viele ihrer Träumereien. Dabei brauchen wir mehr Träumer.«
Diese Träume können nur real werden, wenn man obiges Zitat von Henry Miller sich zu Herzen nimmt und die Lügen dieses Systems aufdeckt, dort wo sie sich zeigen. Dass niemand offen darüber spricht, zeigt, dass die Angst auf beiden Seiten herrscht. Angst vor der Wahrheit. Die Wahrheit ist etwas gewaltiges, deshalb verwendet man soviel Aufwand in social media in facebook-washing und dergleichen. Man tarnt sich also, traut sich nicht der Wahrheit gegenüberzutreten. Wenn im Katalog für die Sommer-Saison alle Mitarbeiter erholt lachen, aber in realiter alle der Erschöpfung nahe sind, dann sind das Widersprüche, die wir gewohnt sind zu akzeptieren, weil, es ist die Sprache, die wir kennen, das heißt, es gilt ,diese Versprechungen bewusst zu entlarven und diese Welt als das darzustellen, was sie ist: Eine Lüge.

Achtsamkeit ist eines der Modewörter und ich meine nicht die Achtsamkeit, die sich beim Yoga selbst optimiert, um dann besser im System klarzukommen, sondern ich meine diese Achtsamkeit, die den anderen mit einschließt und jenseits der Welt des Geldes angesiedelt ist. Ich war erstaunt, dass niemand sich daran störte, dass der Bademeister abends noch Burger brät oder der Tennislehrer am Buffet steht. Beide machen das nicht aus Spaß an der Freude.
»Ach so sieht man sich wieder!« oder »Na noch ein wenig aushelfen!« waren einige Kommentare, die zeigen, dass es den Menschen keineswegs entgeht, man es aber vorzieht, in dieser Scheinwelt zu bleiben, die das Werbebild der eigenen Empfindung vorzieht.
Im Gespräch bekam ich einmal von einem Urlauber die Antwort: »Die sind ja schlimmeres gewohnt.«
Da mag er recht haben, aber es ist das Argument, dass man auch auf die thailändische Prostituierte anwenden kann, dass sie schlimmeres gewohnt ist als einen 60 jährigen Sextouristen.
Man sollte sich nicht nach unten orientieren und man sollte seine Empathie schulen. Der Mensch hat diese Fähigkeit. Wieder aufeinander Acht geben, nicht als Deutsche, oder Italiener, Spanier oder was auch immer, sondern einfach als Menschen. Die kulturellen Unterschiede sind nichts gegen das, was uns verbindet. Das Lachen, das nicht aus dem Katalog kommt, sondern vom Herzen, ist eine Sprache, die man weltweit versteht und die beide Seiten verbindet. Dazu braucht es nicht viel, außer der Vision, dass wir alle von gleichem Rang sind und dass der Mensch, der mir begegnet, mich betrifft, dass mir sein Leben nicht egal ist, und es braucht die Zeit, sich auf den Menschen einzulassen. Nehmen wir uns also die Zeit füreinander und kämpfen um jedes Wort. Eine Lüge bleibt eine Lüge und ein Kataloglachen ist kein Lachen.
»Ich möchte nicht, dass sie mich anlügen in meinem Urlaub!« Dieser Satz ist ein Anfang.
Alles beginnt mit Banalitäten.