Aksel Sandemose: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

           

Aksel Sandemose: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur, Guggolz, Berlin 2019, 608 Seiten, 28 Euro

Manchmal ist es erstaunlich, wie die Bücher zu einem kommen oder kommt man zu den Büchern im richtigen Moment? Ich arbeitete die Sommersaison über in Mittelnorwegen in einer Bäckerei und stieß mehr zufällig auf die Neuausgabe von „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“. Aksel Sandemose war mir kein Begriff, nach der Lektüre wird er mir unvergessen bleiben, denn was sein Alter Ego Espen Arnakke auf diesen knapp 600 Seiten, in diesem wütenden gegen den Strich und alle Romankonventionen geschriebenen Buch, an herausgeschleuderten Wahrheitsmeteoren zu Literatur werden lässt, lässt einen unentwegt geistige Ausrufezeichen in diesem Buch vermerken. Man stoppt, liest nochmal, legt das Buch zur Seite, liest nochmal im Geiste.

Der Kern dieser Kraterlandschaft, die der 1899 in der kleinen jütländischen Industriestadt Nykøbing Mors am Limfjord Gebore, in diesem 1933 veröffentlichten Werk hinterlässt, bilden die Zehn Gebote von Jante, die in Skandinavien zum geflügelten Wort, ja mehr, zum Verhaltenskodex wurden.

Du sollst nicht glauben, etwas zu sein. Du sollst nicht glauben, so viel zu sein wie wir. Du sollst nicht glauben, klüger zu sein als wir. Du sollst nicht glauben, besser zu sein als wir, heißt es unter anderem in diesen an den lutheranischen Katechismus angelehnten Geboten, nach denen nur noch das elfte Gesetz, das des Strafgesetzbuches folgt.

Im Grunde ist „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ eine wütende Anklage des „Ichs“ gegen das übermächtige „Wir“ einer konformen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der jeder jeden kontrolliert, in der das kollektive Ganze das Individuelle erstickt, in der der Preis für die Freiheit eines einzelnen Menschen im Ausgestoßensein besteht. Das ist bei Sandemose teilweise bis ins Groteske übertrieben, beispielsweise wenn er schreibt, dass die Kleinstadt nur Mörder und Krüppel erzeugt. Der Roman lebt von seiner Wut und dieser meisterhaften psychologischen Beschreibung seiner düster-gezeichneten Kleinstadtfiguren. Dazu immer wieder Fluchten und Spiegelungen, als schriebe er sich manisch seine Kindheitserlebnisse vom Leibe. Das liest sich stellenweise recht chaotisch, aber folgt man Sandemose mit Verve und nicht über die Logik, fließt das Buch direkt ins Blut.

Sandemose hat keinen Hehl daraus gemacht, dass sich seine Beschreibung sehr nahe an seine Erfahrungswelt drängt. Er war selbst vielfacher Flüchtling, wechselte für seine Literatur vom Dänischen ins norwegische Bokmål, weil die Wahrheit nicht in der Sprache der Kindheit gesagt werden kann und zog nach Jahren auf See von Dänemark über Schweden nach Norwegen. Sein Alter Ego Espen Arnakke flieht aus dieser Enge nach Neufundland oder verliert sich in phantastischen Welten von fast märchenhafter Beschreibung. Man könnte sagen, mit Literatur als Fluchtmöglichkeit und Bekenntnis schuf Sandemose ein eigenes Genre, das sich von Hamsun, über Kristensen bis hin zu Knausgård in vielen Werken der skandinavischen Literatur wiederfindet.

Nun ist seit 1933 viel Zeit vergangen, das Janteloven wurde in Norwegen offiziell begraben und selbst Sandemose nahm schon in der erweiterten Ausgabe von 1955, auf der auch diese Übersetzung beruht, seinen Zeilen ein wenig an Schärfe.

Ist „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ also einer der Klassiker, die man nur noch historisch lesen kann? Ich meine Nein. Das mag erstaunen, ist doch Norwegen das beste Land der Welt, wie die Norweger selbst stolz von sich behaupten. Ich arbeitete die Monate in Norwegen mit anderen Migranten und lernte vielfach die Exklusionen kennen, die trotz Freundlichkeit und Abwesenheit einer klaren Nein-Kultur immer zu spüren sind. Vielleicht konnte ich mich deshalb so gut in diesen Flüchtling Espen Arnakke hineinversetzen, weil mein Umfeld aus einer ähnlichen Gruppe von Outsidern bestand. Da waren meine Arbeitskollegen in der Bäckerei, ein Kroate, dem die Kriegserlebnisse seiner Jugend noch jede Nacht Besuch abstatteten und der tagsüber nicht mit derben Flüchen sparte, was in Norwegen schnell Entsetzen in die Gesichter zaubert. Ein junger Franzose mit seiner Hijab tragenden Frau, die wegen der Islamophobie, die ihm und seiner Frau in Marseille entgegenschlug, erst nach London und dann nach Norwegen gezogen waren. Es waren die polnischen Bauarbeiter, die rumänischen Fensterputzer, Schweden und Pakistani, Spanier und Kongolesen in den Kneipen kurz hinter dem Bahnhof in Oslo, die mir oftmals mit ähnlicher Wut eines Sandemoses berichteten, dass sie hier in diesem besten aller Länder auf eine unsichtbare Mauer an Ablehnung stießen.

Es gibt wenig offenen Rassismus, aber damit dich die Norweger akzeptieren, musst du gehen wie ein Norweger“, meinte meine Chefin einmal, als ich sie fragte wie es ihr mit ihrer Triple-Identity, aus jamaikanischen Wurzeln, amerikanischer Staatsbürgerschaft und 20 Jahren norwegischer Countryside hier ginge?

Norwegen erzeugte in mir eine tiefe Ambivalenz der Wahrnehmung. Ich dachte an Knausgård, der in einem seiner Essays für die New York Times fragte: „Aber ist das nicht auch gut so? Denn es ist durchaus möglich, das Jante-Gesetz umzukehren und es als einen Ausdruck für ganz andere Formen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens zu interpretieren – zum Beispiel für Solidarität.“

Ist es also ungerecht, so über einen intakten Sozialstaat zu urteilen? Vermutlich. Am Ende seiner Fluchten ist Espen Arnakke in Neufundland angelangt und ist sich dieser Tatsache ebenso bewusst:

Du kannst tausend Beschreibungen des Halfway Mountain finden, und alle sind gleichermaßen richtig. Ich verspüre den starken Drang, es dir jetzt zu sagen, dass der Berg groß ist und dass er viele Seiten hat, aber wer an den Boden gekettet war, sah Halfway Mountain nur von der Stelle aus, an der er lag.“

Michael Schweßinger